Ich
befand mich auf dem Weg nach Hause. Es war ein Donnerstag und es
war später Abend. Der Tag war durchgehend nicht sonderlich
befriedigend gewesen, aber auch nicht als vollständig unnütz vertan
anzusehen. Und er hatte noch eine Überraschung für mich parat.
Leider keine, bei der man Freudensprünge macht.
Wir
schreiben den 3. Mai 2012, kurz nach 22:00 Uhr. Ich habe eben die
Autobahn verlassen und fahre nun mit den für eine Bundesstraße
angemessenen 100 km/h gen kühles Tagesabschluss-Bier. Auf der
vierspurigen Strecke herrscht nur mäßiger Verkehr. In meinem
neuen, keine fünf Wochen altem, schnittigen Kompaktwagen mit agiler
Sportlenkung und allerlei anderer hübscher Ausstattung nähere ich
auf mich meinem Zuhause. Nur mehr fünf Kilometer trennen mich von
meiner Heimatstadt. In der dunklen Nacht, deren Sterne immer wieder
zwischen den Wolken aufblitzen, breitet sich endlich ein Gefühl der
inneren Ruhe in mir aus. Nach den letzten entscheidungsschweren,
planungs- und ideenreichen Tagen fühle ich mich tatsächlich einmal
wohl und glaube, einen Schritt in die richtige Richtung getan zu
haben.
Da!
Schlanke Schemen wechseln rasch über die Straße. Rehe! Ich drossele
hart meine Geschwindigkeit. Mein Körper wird nach vorne
geschleudert, doch die Zugkraft des Gurtes drückt mich zurück in
den Sitz. Der Wagen auf der Gegenfahrbahn reagiert glücklicherweise
ebenso reflexartig. Die flinken Tiere verschwinden in der
Dunkelheit. Exakt im Moment der Erleichterung springt ein letztes
Reh auf den Asphalt und hetzt seiner Herde hinterher. Ein
Ausweichen ist unmöglich. Mein Fuß tritt das gerade losgelassene
Bremspedal bis zum Fahrzeugboden durch. Das verwirrte Tier hat mein
Auto beinahe passiert, als es sich vor den Scheinwerfern des
Entgegenkommenden erschrickt. Seine Richtung haltend macht es einen
Satz von dem Fahrzeug weg. Mit einem dumpfen Schlag erfasse ich das
Wildtier an der hinteren Flanke und schleudere es mitten auf die
beiden Gegenfahrspuren. Der andere Pkw rollt mit einem weiteren
lauten Geräusch direkt darüber hinweg. Und verschwindet.
Vollkommen geschockt
halte ich neben einer Auffahrtsstraße rechts an und suche die
Warnblinkanlage, die im ersten Reflex nicht dort ist, wo sie bei
meinem Vorgängerwagen war. Nach kurzer Orientierung im Cockpit
drücke ich den korrekten Knopf, schalte die Sitzheizung wieder aus
und krame die Warnweste heraus. Während ich sie mir anlege, klaube
ich das Handy aus der Ablage und gebe den Polizeinotruf ein. Ich
atme tief durch und mache mir klar, dass ich zuerst die
Unfallstelle absichern sollte, weil das arme Tier ja direkt auf der
Straße liegt. Das Zittern meiner Knie ignorierend mache ich
Anstalten auszusteigen, als mir gewahr wird, dass ein Auto hinter
mir anhält. Zeitgleich verlassen wir unsere Pkw, es ist eine Frau,
die mich wortgewaltig fragt, ob ich eine Panne hätte und Hilfe
gebrauchen könnte. Ihr Fahrzeug kommt ins Rollen, sie hat die
Handbremse nicht richtig gezogen. „Vorsicht! Vorsicht! Die
Bremse!“ schreie ich sie an. Doch es ist zu spät. Mit einem
metallenen Plopp zieht Stillstand in die surreale Szenerie ein.
Eine Sekunde des Schweigens, dann sagt sie betreten: „Ochje,
jetzt sind Sie mir auch noch draufgefahren.“ Ich habe gerade
erst ein Reh getötet, habe mein neues Gefährt verunfallt, nichts
gesichert und dann so etwas. Schreien, Weinen, Lachen. All das
könnte ich gleichzeitig tun. Stattdessen kichere ich dämlich und
erkläre meiner vermeintlichen Helferin, dass sich die Sachlage
leider umgekehrt verhielte. Während ich die Veränderung ihrer
Gesichtszüge im Scheinwerferlicht beobachte, sie die Abschüssigkeit
der Strecke erkennt und ich hilflos die Ruftaste des bereits
gewählten Notrufes drücke, rasen auf der Fahrbahn drüben drei
weitere Autos über mein Crashopfer. Einer Zeitlupe ähnlich sehe ich
das sich unter der Zugkraft der Geschwindigkeit aufbäumende leblose
Wesen, glaube das Blut aufspritzen zu sehen und höre dieses
unbeschreibliche Geräusch vom Überrollen eines weichen
Körpers.
Da
meldete sich eine melodische, weibliche Stimme in meinem Handy.
Zurückgerissen in die Realität, die Handeln verlangt schildere ich
ihr das Vorgefallene. Meine Ersthelferin brabbelt leise konfuses
Zeug und hampelt hektisch auf der Stelle herum. Bei der
Angabe meines exakten Standorts versagt meine Ortskenntnis und ich
entlocke nach dreimaligem, mehr und mehr dringlichem Nachfragen der
Auffahrerin die Informationen, die mir fehlen. Eine Polizeistreife
wird geschickt. Mein Kopf ist wieder klar. Ich sage der Stimme in
der Leitung noch, dass ich versuchen werde, das tote Tier von der
Straße zu entfernen und lege auf. An das Warndreieck in meinem
Kofferraum komme ich derzeit nicht heran, da mir ein Kombi auf dem
Heck sitzt und ich versuche, die konfus umher hibbelnde Person dazu
zu bringen, dass sie mir das ihre gibt. Ich möchte nicht, dass noch
mehr Fahrzeuge über das Reh rauschen. Zum einen aus emotionalen
Gründen, zum anderen aber auch, da dies weitere Gefahren für den
Verkehr birgt. Stattdessen erklärt sie mir, dass sie erst einmal
ihren Wagen zurücksetzen wird. Auch gut. Hauptsache, ich kann die
Unfallstelle endlich absichern. Mit der roten, länglichen
Plastikverpackung renne ich über die Straße, schätze grob die
Entfernungen ab und entfalte das reflektierende Gestell. Bevor ich
es abstellen kann, nähert sich ein Auto, sieht mich und versucht
mich mittels Lichthupe vom Straßenrand zu verscheuchen. Dass
nebenan ein warnblinkendes Fahrzeug parkt, ich in eine neonfarbene
und reflektierende Weste gewandet bin und ein Warndreieck in den
Händen halte, das alles scheint kein Grund zur Drosselung der
Geschwindigkeit zu sein. Mit diesem grässlichen dumpfen Geräusch
schießt der Wagen über das Reh. Ich muss es unbedingt von der
Fahrbahn schaffen.
Gegenüber
dreht meine unglückliche Ersthelferin ihre Runden um unsere beiden
Pkw und sieht so aus, als würde sie Selbstgespräche halten. Ich
lege etwa 50 Meter zurück, bis ich bei meinem Unfallopfer angelangt
bin. Die Situation ist günstig, es ist kein Verkehr in Sicht. Ich
stehe auf dem Grünstreifen und starre die Blutlache an, die sich um
das Reh herum gebildet hat. Dieses ehemals so zierliche und edle
Geschöpf ist zwar noch klar erkenntlich, hat aber nichts mehr mit
der Anmut dieser Tiere zu tun. Und ich habe es getötet. Ich gebe
mir einen Ruck, trete an die offensichtlich gebrochenen Hinterläufe
und packe sie. Das Fell ist feucht und strömt eine leichte Wärme
aus, dennoch ist definitiv kein Leben mehr in diesem leichtfüßigen
Geschöpf. Dann zerre ich es von der Straße. Als ich es ablege, wird
mir gewahr, wie erstaunlich leicht das Reh ist. Und ich hoffe, dass
es ein erfülltes Leben hatte. So blöd das jetzt auch wirken
mag.
Die
Polizei ist noch nicht da. Jetzt muss ich mich um den Auffahrunfall
kümmern, den Schaden feststellen, die Daten der Frau aufnehmen.
Eben diese steigt gerade wieder in ihr Auto, da ein anderes auf die
Bundesstraße auffahren will, deren Einfahrt von ihr blockiert wird.
Ich muss ein bisschen grinsen. Meine Hände sind voller Blut. Ich
habe nicht daran gedacht, die Handschuhe aus dem Erste-Hilfe-Kasten
anzuziehen. Ein Wagen hat gerade kurz hinter dem Warndreieck
angehalten. Es steigt ein junger Mann aus. Im Scheinwerferlicht
geht er mir mit besorgter Miene entgegen. „Ist alles in
Ordnung mit dir?“ So ruft er mir entgegen. Beschwichtigender
Gestik erkläre ich, dass ich ein Reh erwischt habe, aber niemandem
etwas passiert ist, die Polizei unterwegs ist und dass es schön
ist, dass er angehalten hat, dennoch könne er durchaus
weiterfahren. Alles unter Kontrolle. Irgendwie scheint er mir nicht
zu glauben. Ernsthaft in Sorge steht er vor mir und befragt mich
weiter nach meinem Gemütszustand. Mit einem zugegebenermaßen etwas
makabren Scherz erkläre ich ihm die Situation. Er redet mit mir wie
mit einem kleinen Kind. Das finde ich seltsam. Dann fällt mir ein,
dass der Junge meine blutverschmierten Hände im Licht seines Pkw
klar erkennen muss. Zudem umkreist die konfuse Frau drüben erneut
unsere Autos, bleibt an meiner Front stehen und ruft: „Aber
das hier vorne ist nicht von mir! Ich bin doch nur hinten drauf
gerollt!“ Mir wird erst jetzt bewusst, dass sie überhaupt
nichts von meinem Wildunfall mitbekommen hat und nur angehalten
hat, weil ich dort mit Warnblinkanlage herumstand. Alles das trägt
wohl nicht zur Beruhigung des jungen Mannes bei. Ich persönlich
finde es jedoch toll, dass bereits zwei Menschen angehalten und
ihre Hilfe angeboten haben. Er starrt mich immer noch tief besorgt
an und endlich kläre ich die Sachlage auf. Er hat geglaubt, ich
befände mich in einem Schockzustand und würde meiner eigenen
Verletzungen nicht mehr gewahr werden. Nachdem er sich vom
Gegenteil überzeugt hat, wird er äußerst nützlich. Feuchte
Reinigungstücher zaubert er aus seinem Handschuhfach. Während ich
meine Hände reinige, den Vorgang dieses Abends genauer schildere,
sieht er sich die Schäden an meinem Wagen und dem der
Erst“helferin“ an. Ich darf seine Daten aufnehmen,
damit er als Zeuge dienen kann. Außerdem wirkt seine Anwesenheit
auch sehr beruhigend auf die Frau, die mir ihre Adresse und
Versicherungsdaten notiert. Nach kurzem Abgleich mit Ausweis kann
ich endlich beide nach Hause schicken. In der Zwischenzeit hält
jemand sein Auto an, um seine Hilfe anzubieten. Ich bin sehr
überrascht von der nicht ganz so ausgeprägten Schlechtigkeit der
Menschheit. Ich bin positiv überrascht. Das hätte ich nicht
gedacht. Allen danke ich von Herzen. Das konnte ich hoffentlich
auch so ausdrücken. Jedem, der mir helfen wollte und geholfen hat,
habe ich zuerst dafür gedankt, dass sie angehalten
haben.
Ich stehe
alleine am Straßenrand und blicke auf die Stelle, wo das tote Reh
lag. In der tiefen Dunkelheit lässt sich der Blutfleck nur schwer
erkennen. Verschiedene Fahrzeuge passieren arglos die Strecke und
streben ihrem Ziel entgegen. In der entstandenen Stille blicke ich
in den Himmel. Meine Knie zittern jetzt wieder. Und da höre ich es.
Das Fiepen der Rehe. Ein leichter Schauer überfährt mich. Diese
Töne machen mich nach all dem Geschehenen traurig und nachdenklich.
Die Herde des von mir getöteten Rehs scheint in der Nähe geblieben
zu sein. Und für mich wirkt es so, als würden ihre Laute Trauer
ausdrücken.
Eine
Zigarette wäre gerade nicht schlecht, aber die liegen da, wo sich
auch mein kühles Tagesabschluss-Bier befindet. Daheim. Ein Kombi
verlangsamt seine Geschwindigkeit und hält vor meinem Wagen an. Ich
laufe zu ihm. „Hey, was ist passiert? Brauchen Sie Hilfe,
soll ich jemanden anrufen?“ Noch jemand, der sich um seine
Mitmenschen kümmert. Ich bedanke mich ganz herzlich bei ihm und
schicke ihn weiter. Schließlich warte ich jetzt nur noch auf die
Polizei. Und dann kommt sie endlich.
Wir
schreiben den 3. Mai 2012, 23:34 Uhr. Ich bin endlich daheim. Das
kühle Tagesabschluss-Bier soll meinen Gemütszustand beruhigen.
Heute hatte ich einen durchweg unbefriedigenden Tag, der bis zur
späten Abendstunde aber nicht als vollends unnütz vertan angesehen
werden konnte. Stattdessen nahm er eine Wendung, die ich niemals
erwartet hätte. Ich habe ein Reh getötet. Ich habe ein Stück weit
meinen Glauben an das Gute in den Menschen zurück gewonnen. Ich
habe gleichzeitig erfahren, dass es Menschen gibt, die Zeuge eines
Unfalls werden und auf Nimmerwiedersehen verschwinden, ohne auch
nur später zum Telefon zu greifen, um das Vorgefallene anonym zu
melden. Und ich habe gelernt, dass ich mich in einem
Ausnahmezustand trotz eines Schocks richtig und
verantwortungsbewusst verhalten kann.
Naja. Zu
alle dem habe ich meinen neuen Geschäftswagen in einen Unfallwagen
verwandelt, der jetzt vorne und hinten eine neue Stoßstange
benötigt, während ich den neuen Firmenrekord in Sachen Schäden an
Autos gesetzt habe. Aber mir selbst ist nichts passiert. Auch sonst
keinem Menschen. Dennoch habe ich ein Reh auf dem Gewissen. Und das
lastet irgendwie schwer. Obwohl es „nur“ ein Tier
„ohne Seele“ ist.