Da vergehen Wochen, ohne dass irgendetwas erzählenswertes
passiert. Keine langweiligen, vollkommen öden Wochen, sondern das,
was man als normal bezeichnen könnte. Aber eben Wochen, in
denen dich jemand fragen mag, was es denn so Neues gäbe und du
einige Sekunden in dich gehst und mit einem Achselzucken
antwortest. Weil nichts erzählenswertes passiert ist. Gut, ich
hätte erwähnen können, dass ich mir ein neues Tuch und Stulpen
gekauft habe, obwohl ich eigentlich Schuhe haben wollte, welche ich
nicht gefunden habe. Aber mal bitte ehrlich: Wen um Gottes
Willen interessiert das? Das sind Dinge, denen man
höflich-freundlich lauscht, jedoch nicht gegenüber anderen
über als Neuigkeit präsentiert. Es sei denn, im Verlaufe eines
angeregten Gespräches würde sich das ergeben. Schätzungsweise würde
mich mein Umkreis auch eher besorgt von oben bis unten mustern,
würde ich so etwas tun. Sie sind anderes von mir gewöhnt. Deshalb
zählt man mich auch hin und wieder zu den introvertierten Menschen.
Um dies zu einem Fazit zu bringen, erzählenswert ist bei mir
nichts, was man als normal deklarieren könnte. Diese Wochen liegen
nun also hinter mir.
Jetzt, ja jetzt kann ich wieder erzählenswertes erzählen, weil
die Normalität lange genug im Vordergrund stand und sich dort
reichlich deplatziert vorkam. Deswegen entwich sie in eine stille
Ecke und lässt sich nun unterhalten. Wer schon - außer ein
werdender Vater - wurde einmal folgendermaßen aus dem wohligen
Schlaf nach einer langen Nacht geweckt? "Du musst jetzt aufwachen."
- Kurze Pause, um zu sehen, ob ich mich schon rege. "Ich verliere
Fruchtwasser." Worte, die sich in einem Sekundenbruchteil durch
alle Windungen deines Gehirns tief in dein Bewusstsein
katapultieren, dort einen Adrenalinstoß produzieren, der
blitzschnell durch deinen Körper jagt. So fix war ich noch nie auf
den Beinen gewesen. "Fruchtwasser? Okay, wir fahren in die
Notaufnahme." Ich scheuchte meine Freundin, die mich über das
Wochenende besuchte, aus dem Schlafzimmer mit der dringenden
Bitte, sich fertigzumachen, kramte irgendeine Hose aus meinem Chaos
hervor, suchte meine Autoschlüssel und Handtasche mit all meinen
Papieren, warf mir eine Jacke über mein Schlafshirt und rief den
Aufzug herauf. Dazwischen durfte sie immer einmal eine Frage
beantworten, die mir Auskunft über allgemeines sonstiges Befinden,
Schmerzen oder andere Anomalitäten gaben. Wasser hat mein
Gesicht überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Obwohl sie diejenige
war, die unnatürlicherweise und daher besorgniserregend im siebten
Monat Fruchtwasser verlor, sah sie taufrisch wie der junge Morgen
aus. Da es ihr bis auf ihre unterdrückte,
verständliche Panik ansonsten gut ging, verstieß ich nicht
gegen sämtliche Verkehrsregeln, sondern versuchte sie ein wenig mit
blöden Scherzen, die wahrscheinlich vollkommen unangebracht waren,
während der Fahrt zum Krankenhaus abzulenken. Immerhin hat sie
mich nicht geschlagen. Mein Auto stellte ich grundlegend schief auf
einem Behindertenparkplatz vor der Notaufnahme ab und wir stürmten
im Eiltempo auf die Anmeldung zu. Die Frau reagierte sofort,
telefonierte und verschwand für kurze Zeit. Dann erschien sie mit
einem Rollstuhl, in dem meine Freundin Platz nahm, wies mich an,
ihr zu folgen und flitzte davon. Sie rannte nicht, sie ging.
Trotzdem hatte ich einige Mühe, nicht den Anschluss zu verlieren.
In einem pastell-rosa gestrichenen Zimmer der Wochenstation wurde
meine Freundin dann auf das freie Bett verfrachtet und ihre Daten
sowie der Verdacht auf vorzeitigen Blasensprung aufgenommen.
Danach kam eine Schwester mit einem neuen Rollstuhl mit dem
Ziel des Kreißsaals. Auch hierhin sollte ich folgen, während mir
das alles irgendwie surreal vorkam, ich immer noch kein einziges
geistreiches Wort von mir gegeben hatte und mir ausgesprochen
hilflos vorkam. Hilflos in Sachen Trost und Zuversicht vermitteln,
beizustehen und eine Hilfe zu sein. Meine Freundin hielt sich so
ausgesprochen wacker, dass sie dafür Bewunderung verdient. Ich war
nur ein müffelndes, zerschlagenes Wrack, das sich selbst fragte,
wie es eigentlich geschafft hatte, ein Auto sicher zu manövrieren.
Bei der Untersuchung sollte und wollte ich nicht dabei sein, was
mir Gelegenheit gab, den Behindertenparkplatz freizugeben
und meiner Freundin einen aufbauenden Milchkaffee und ein
Hörnchen zu besorgen. Als ich vor der Tür zum Kreißsaal stand und
die Klingel drückte, war ich auf das Schlimmste vorbereitet.
Stattdessen öffnete mir eine rundherum kompakte Person mit
einem wahnsinnig warmherzigen Auftreten und geleitete mich zu
meiner Freundin in den Saal der Sääle. Dort lag sie an irgendwelche
Geräte angeschlossen auf der Liege der Liegen, während den Raum ein
gleichmäßiges Klopfen erfüllte. Der Herzschlag des Babies. Dem
kleinen Wurm in ihr, dem es gut ging. Zeitgleich mit dem Stein, der
mir vom Herzen fiel, hätte ich auch fast den Kaffeebecher fallen
gelassen. Die Hebamme sah mich kurz fragend an, dann meine
Freundin, um ihren Blick dann auf dem festzunageln, was ich in den
Händen hielt. "Ist das für Ihre Freundin?" Ich nickte. "Das tut mir
leid, aber bevor wir die Untersuchungen nicht abgeschlossen haben
und noch nicht wissen, ob wir gleich den Kaiserschnitt vornehmen
müssen, darf sie nichts zu sich nehmen." Zu meiner
Freundin gewandt: "Sie müssen das verstehen..." Wir
verstanden das. Kaiserschnitt?!?! Also führte ich mir
den Kaffee zu, der im Übrigen doch keine Milch beinhaltete, weil
ich die irgendwie nicht hinein geschüttet hatte, flachste kurz über
die Situation und setzte mich auf den Stuhl, der wohl normalerweise
den zukünftigen Papas vorbehalten ist. Der Papa dieses
Kindes jedoch befand sich noch in wohliger Unwissenheit, etwa
200 Kilometer entfernt und vermutlich sanft schlummernd.
Die Hebamme ließ uns alleine.
Wie es einer Schwangeren in der 31. Woche fern von der Familie
mit vorzeitigem Blasensprung und der Option auf eine Frühchengeburt
geht, können wohl nur diejenigen nachvollziehen, die selbst einmal
in dieser Situation waren. Völlig hilflos versuchte ich Trost zu
spenden und sie abzulenken, bis endlich Klarheit über das weitere
Vorgehen bestünde. In dieser Zeit wanderte ich mit zum Ultraschall
und durfte zum ersten Mal so einen kleinen Wurm in Echtzeit sehen.
Das ist schon irgendwie etwas Besonderes. Auch wenn ich ohne die
hilfreichen Erläuterungen der Ärztin nichts aus dem schwarz-weißen
Gewabere auf dem Bildschirm erkannt hätte. Respekt für diejenigen,
die Arme und Beine auseinanderhalten können. Ich erkannte nicht
einmal den Kopf. Meine Freundin wurde wieder im Kreißsaal geparkt,
ich richtete ihr einen greifbaren Getränketisch her und räumte
dabei etwas den Raum um. Dann ließ ich sie alleine, damit sie
endlich den Vater und ihre Eltern informieren konnte. Erst einmal
sollte sie zur Beobachtung dableiben, da ein Test positiv war, der
andere jedoch negativ. Weitere Untersuchungen waren notwendig. Ich
fuhr nach Hause, um ihr ein paar Sachen zusammenzupacken und mich
endlich zu duschen. Inzwischen fühlte ich mich reichlich unangenehm
für meine Mitmenschen.
Zwei weitere Male lief ich an diesem Tag im Krankenhaus auf,
einmal im Kreißsaal, die anderen Male auf der Wochenstation. So
viel habe ich mich noch nie mit Babies an sich und Frühgeburten
beschäftigt. Was etwas heißen will, wenn man eine Mutter hat, die
als Kinderkrankenschwester auf einer Frühchenstation arbeitet. Ihr
Freund kam am späten Nachmittag mit viel Gepäck für seine Liebste,
während ich die Stunden nutzte, um etwas Schlaf nachzuholen. Da er
Krankenhäuser nicht sonderlich mag, nächtigte er auf meiner Couch.
Am Tag darauf sollte er Vormittags seine Schwangere alleine
besuchen, während ich beschlossen hatte, ihnen Zeit für sich zu
gönnen und erst am Nachmittag zu einem Besuch aufzulaufen. Die
Situation hatte sich zwischenzeitlich soweit entspannt, dass ein
Kaiserschnitt keine dringende Option mehr war, dafür aber eine
Woche Stationsruhe unter Beobachtung. Da meine Freundin weitere
Tests und Untersuchungen auf dem Plan hatte, wurde er auf Mittags
vertröstet. Also wandelten wir über den Herbstmarkt an diesem
kühlen, tristen, aber immerhin trockenen Tag. Am Ende angelangt,
als wir die Oldtimer fachmännischen Blickes
begutachteten, klingelte sein Handy. Nachdem er das Gespräch
beendet hatte, atmete er tief durch und mir schwante Furchtbares.
"Sie wollen es jetzt holen." Und flugs eilten wir durch die
komplette Innenstadt zu meinem Auto, auf dass ich zum zweiten Mal
an diesem Wochenende zum Krankenhaus raste.
Inzwischen fühlte ich mich auf der Wochenstation fast schon
heimisch. Um es kurz zu machen: Meine Freundin wurde für
transportfähig erklärt und kurzfristig nach H. via Rettungswagen
verschifft, ihr Freund mit dem Pkw hinterher und ich wartete den
ganzen Abend halb panisch auf die Nachricht, dass der Kaiserschnitt
gut verlaufen war und es Mutter und Tochter hervorragend ging.
Stattdessen rief mich die Wochenstation an und erkundigte sich
genau danach. Es war kurz vor 20 Uhr und damit war die Nachricht
schon um zwei Stunden im Verzug. Dann klingelte das Telefon und
eine andere Freundin rief an: "Was ist denn da los?" - "Ich weiß es
nicht, ich will da gleich mal anrufen, ich bin panisch und habe
keine Ahnung." Dann teilte sie mir mit, dass es meiner Freundin gut
ginge, dem Baby ebenso, es aber weiterhin im sich nachgebildeten
Fruchtwasser planschte. Das war mir einen Wodka pur wert. Aus einem
wurden drei. Ich teilte der bis dahin Ahnungslosen die turbulenten
Ereignisse des Wochenendes mit, um dann von meiner Schwangeren über
ihren beruhigten Zustand informiert zu werden und am noch späteren
Abend die gleichen Infos von ihrem Freund zu erfahren. Dann endlich
legte ich mich schlafen, was ich nicht konnte, obwohl ich das war,
was man als völlig fertig bezeichnet. Mein Kopf arbeitete weiter an
den Erlebnissen und der Montag kam viel zu früh, ohne dass ich auch
nur ein wenig erholt gewesen wäre.
Meine Freundin liegt nun seit knapp drei Wochen auf der
Wochenstation und erfährt jeden Tag etwas anderes über die Geburt
ihres Kindes. Dieses hat im Übrigen schon jetzt etwa drei Monate
Hausarrest. Wann genau sie diese Strafe vollziehen will, weiß sie
selbst noch nicht. Vielleicht wenn das Baby zu einem Teenager
geworden ist und halbwegs verstehen kann, was es da ab der 31.
Woche für Strapazen verursacht hat. ;)