Eine Raupe landet unsanft halbseitig auf dem kalten Boden. Mit robbenartigen Bewegungen manövriert sie sich umständlich wieder zurück auf die Luftmatratze. Ich höre Kichern, denn die Raupe bin ich. Die Augen wollen sich nicht öffnen lassen. Aber um mich herum herrscht gerade so viel Bewegung. Flüstern, Rascheln, Türen klappen. Was ist denn nur los? Erst einmal kräftig schneuzen. Ich fühle mich so, wie ich mir verkatert sein vorstelle. Mistige Erkältung. Nur langsam begreife ich, wo ich bin, wer ich bin und was hier eigentlich gerade passiert. "Ich bin ein Stein." Manchmal macht mir mein Kopf wirklich Angst. Beruhigt stelle ich fest, dass J. neben mir auch noch nicht wirklich zu den Lebenden gehört. Nur K. und U. scheinen bereits äußerst aktiv zu sein. Der Abschied ist gekommen. U. bringt K. noch zur Uni, J. möchte mit und mich lässt man angesichts meines anscheinend erbärmlich wirkenden Wesen weiterschlafen. Verschlafen aber - hoffe ich zumindest - herzlich sage ich K. meinen Dank für die schöne Zeit und auf Wiedersehen. Nach kurzem Aufbruchstrubel herrscht Stille. Jetzt bin ich allerdings wach. Also wandere ich unter die Dusche, wecke meine Lebensgeister und beginne schon einmal damit, in dem kleinen Wohnheimzimmer klar Schiff zu machen.
Etwas bedröppelt kehren U. und J. von der Universität zurück. Wir lassen U. in Ruhe, halten ein schweigsames Frühstück ab, packen, putzen und hinterlassen K. ein kleines Dankeschön für ihre Gastfreundschaft. Dann brechen wir auf. Allerdings fahren wir nicht weit. Denn zum Abschluss möchten wir die Falun-Grube besichtigen, ein sehr bekanntes Kupferbergwerk, wo u.a. die Dispersionsfarbe Falunrot (Schwedenhäuschen-Rot) herstammt und das als Weltkulturerbe gilt. Die Führung haben J. und U. bereits gestern für uns bebucht. Deutschsprachig. Wir warten am Treffpunkt vor dem Grubeneingang, der durch ein Gestell mit einer Glocke gut erkennbar ist. Ein kompakter, freundlich wirkender älterer Herr nähert sich forschen Schrittes der weit verstreuten Besuchergruppe. Er trägt Gummistiefel und einen monströsen Schlapphut. Irgendwie erinnert er stark an eine überzeichnete Karikatur eines Herolds. Aber das ist wohl nur mein persönliches Empfinden, denn Herolde der damaligen Zeit trugen eindeutig eine andere Amtstracht. Munter läutet er die Glocke und schart seine kulturinteressierten Schäfchen um sich. Mit unschwer erkennbarem bayerischen Einschlag eröffnet er uns, was uns in den nächsten zwei Stunden erwarten wird. Er entstammt der Stadt Erding. Werbespotgeschädigt singt mein Marketingler-Köpfchen fröhlich "Erdinger Weißbier, däs is hoid a Proacht, heidiwitzgei, boim Doach un boi Noachd". Wie gesagt, manchmal macht er mir Angst.
Dann geht es ein grobe Holztreppe hinab in eine Art Garderobe, wo wir uns in orangefarbene Umhänge hüllen dürfen und sich jeder einen äußerst chicen Helm auf den Kopf setzt. Wir sehen großartig aus und schießen gleich ein paar Fotos. Der schwedische Erdinger beginnt mit seiner kurzweiligen, sehr informativen Führung. Erst genießen wir noch eine tolle Aussicht vom Förderturm hinab, bevor wir in die tiefschwarzen, feuchten Gefilde hinabsteigen. Bergwerke sind wirklich faszinierend und das Faluner hat außerdem noch eine tragisch-ironische Spezialität. Die Zeit ist auf interessante Art und Weise schnell vergangen. Im Anschluss sehen wir uns noch das Gelände, das Museum und Ausstellungen an. Irgendwann wird uns die Touristenmasche zuviel und wir steigen ins Auto auf der Suche nach einem neuen Abenteuer. Wir haben noch eine weite Etappe vor uns. Denn morgen wollen wir die Grenze nach Norwegen überschreiten.
Unsere Navigatorin hat ein Problem. Die Karte und die uns vorliegenden Straßen wollen nicht so recht übereinstimmen. So landen wir auf einer Umgehungsstraße. Eine, die nicht einmal ansatzweise fertiggestellt ist. Es gibt keine Sperrung, daher glauben wir getreu dem positiven Denken, dass die festgewalzte Straßenaufschüttung nur ein paar Kilometerchen anhalten wird, bevor sie in eine gespurte und geteerte Fläche übergeht. Nach nur 17 Kilometern sind wir vom Gegenteil überzeugt. Mit maximal 50 km/h steuert U. den alten Diesel über eine Art langgezogene Geröllhalde. Die Luft ist irgendwie dumpfig und bleiern. Die Wipfel der umliegenden Kieferwälder werden von dunkel drohenden, leicht schweflig angehauchten Wolken überschattet. Eine blendende Sonne lässt die Landschaft seltsam gruselig erscheinen. Zwischendurch kommen wir an kleinen Ansammlungen von Schwedenhäusern vorbei. Dazwischen ist das einzige Anzeichen von Zivilisation die Ahnung einer Straße. Die Blasen von J. und U. melden sich an. Schließlich bleibt keine andere Möglichkeit mehr, als die Option Wildpinkeln. Wir halten links am Straßenrand an einer mit geschlossener Schranke versehenen Einfahrt. Mich erinnert das in anderer Wetteratmosphäre vielleicht idyllisch wirkende Haus stark an den Film "Blair Witch Project" und andere Horrorstreifen. Dummerweise äußere ich das wohl auch laut, was mir unwirsches Zischen der beiden anderen einträgt. T'schuldigung. Wir steigen aus. Diesmal verschweige ich, dass diese unheimliche Stille mir gar nicht gefällt. Kein Laut. Einfach nichts. Normalerweise sollten Vögel zwitschern, Eichhörnchen keckern oder sonst etwas. So ruhig ist kein Wald. Gruselig. Ich vertrete mir die Beine, während die zwei sich zaghaft in das nicht vorhandene Dickicht schlagen. Scherzhaft versuche ich die gedrückte Stimmung mit Lautkennzeichen aufzulockern, die beide mit "Piep" erwidern. Seltsam eilig kehren beide zum Auto zurück. Jetzt nennen wir die unheimliche Stille beim Namen. Beinahe panisch springen wir in unser Fahrzeug, verriegeln die Türen und nehmen Fahrt auf.
Gerade als wir über unser Verhalten wieder lachen können, erkennen wir etwas Beunruhigendes direkt vor uns. Bagger, Baustellenfahrzeuge und Walzen. Eine Sperrung. Die gelben Helme von Bauarbeitern. Immerhin soll aus der Geröllaufschüttung wohl tatsächlich einmal eine richtige Straße werden. Ziemlich blöd nur, dass vor uns ein Loch ist. Und dass es bereits kurz nach 18 Uhr ist. Und dass das, was einmal eine Straße werden soll, hier gesperrt ist. Gaaah! 200 Meter vor dem Loch halten wir an. Steigen aus und zünden uns eine Zigarette an. Nehmen Kontakt mit dem schwedischen Bauarbeiter auf. In astreinem Englisch erklärt er uns die Situation. Er kann uns beruhigen. Zehn Minuten sollen wir warten, dann können wir hier einfach weiterfahren. Gut, er kann uns nicht wirklich beruhigen. Denn das sieht einfach unglaubwürdig aus. Da ist ein Loch! Und das ist nicht gerade klein. Straße weg. Fein. Da käme ein Geländefahrzeug mit Allradantrieb durch. Wir haben einen etwas klapprigen, vollbeladenen Kleinwagen mit uns. Dies alles steht uns wohl ins Gesicht geschrieben. Sichtlich amüsiert wechselt der Schwede das Thema, fragt uns nach unserer Reise und erzählt ein wenig vom Hochseeangeln in Norwegen. Dann geht er zu seinen Kollegen, die interessiert ihre Arbeit unterbrochen haben und uns neugierig beäugen. Nach ein paar Worten wirken auch sie stark erheitert. Wir haben das Gefühl, das Gespräch am Abendbrottisch dieser Männer zu werden. Warum? Ich habe keinerlei Vorstellung. Dann gehen sie aber doch wieder ans Werk. Die zehn Minuten dauern eine halbe Stunde. In dieser Zeit wird aus dem Loch tatsächlich eine Vorstufe zur Straße, was Passierbarkeit für uns bedeutet. Wir sind gelinde erstaunt. Zum Abschluss hakt der Baggerführer eine Schaufelzacke in die Kette der Walze ein, schwenkt das tonnenschwere Baufahrzeug quer über die Köpfe seiner Kollegen und parkt sie am Waldrand. Fasziniert und entsetzt zugleich stehen uns die Münder offen. Riskante Verfahrensweise, sehr riskant. Der freundliche Hochseeangler macht uns Mut, die Vorstufe zur Straße würde nur noch kurz andauern und dann in eine geteerte übergehen. Der Arbeiterbus rollt von der anderen Seite heran, bereit, die Männer nach Hause zu bringen. Wir danken, winken und fahren vorsichtig über das gefüllte Loch. Der Gegenverkehr steht auch schon parat.
Man hat uns gerade eine Straße gebaut. Cool.