Teil 1 - Eine Busfahrt, die ist lustig...

Ein nicht mehr als sanftes Schnarchen zu bezeichnendes Geräusch ist die einzige Geräuschkulisse neben dem Schnurren des Motors. Draußen ziehen die Wolken vom Sturm gejagt am hell leuchtenden Vollmond vorbei. Der Bus wird von Windböen gebeutelt. Dennoch hält er stetig die Spur, die gen Heimat führt. Die Autobahn ist zu dieser späten Stunde nicht mehr gefüllt, nur vereinzelt sieht man Lichter anderer Verkehrsteilnehmer aufleuchten und wieder in der Dunkelheit verschwinden. Ein heftiges Husten veranlasst einige Insassen zu trägen Regungen, doch aufwachen will niemand so recht. Der Busfahrer, ein stämmiger, hochgewachsener Kerl über 60 dreht das Radio an und die Heizung herunter. Ihm ist langweilig. Außerdem würde er ebenfalls gerne die Augen schließen und sich dem Schlaf überlassen. Resignierend steckt er sich eine Zigarette an, lässt das Fenster ein Stückchen herunter und wirft einen verzweifelten Blick auf das Navigationsgerät. Erst in etwa zwei Stunden wird er seine Passagiere in die eisige Nachtluft entlassen können. Dann kann es ihm völlig egal sein, ob sie noch gut nach Hause finden oder nicht. Hauptsache, er kehrt wohlbehalten zurück und kann sich den wärmenden Federn seines Bettes hingeben. Er nimmt einen tiefen Zug von seiner Kippe und beugt seinen Nacken lockernd von links nach rechts. Es folgt ein tiefer Seufzer. Plötzlich fährt ihm eine Gänsehaut über den Körper. Fröstelnd wirft er den Stumpen seiner Zigarette aus dem geöffneten Fenster und schließt es wieder.

Er meint, Kichern aus den hinteren Sitzreihen zu vernehmen. Ein Flüstern, eher ein Wispern. Es ist nicht verständlich, er kann keine klaren Worte festmachen. Aber es klingt gemein. Als würde sich jemand lustig machen und zwar über ihn. Der Blick in den Rückspiegel zeigt ihm nur schlummernde Gestalten, die teils seltsame Positionen für den Schlaf eingenommen haben. Und er fühlt Wut in sich aufsteigen. Er ist ja nur der dröge Busfahrer. Ein Mensch, der es nie zu etwas gebracht hat. Jemand, der nicht mehr kann, als einen Haufen Passagiere von A nach B zu befördern und hinterher die Sitzreihen von Müll zu befreien. Dass er gerade das Leben von über 40 Menschen in seinen Händen hält, dessen will sich niemand bewusst sein. Welche Verantwortung er trägt. Ein Kribbeln in seinem Nacken. Instinktiv schlägt er leicht mit rechten Hand in die Luft. Wispern. Kichern. Gänsehaut. Er wirft erneut einen prüfenden Blick in den Rückspiegel und zuckt heftig zusammen. Ein Gesicht, fratzenhaft grinsend, starrt ihm höhnisch entgegen. Der Bus schlingert heftig hin und her. Erschrockene Laute von hinten. Die Reisenden sind mit einem Schlag hellwach. Rasenden Herzens bringt er das Gefährt wieder unter Kontrolle. Ruft beruhigende Worte. Dann sieht er wieder voller Angst in den Spiegel. Keine Fratze. Nur die Sitzreihen mit seinen Fahrgästen, die nun alle wach sind und diskutieren. Er weiß nicht, was er erwartet hat. Scheinbar ist er übermüdet. Die Passagiere verlangen, dass er eine Pause macht. Damit er wieder konzentriert fahren kann. Wieder spürt er eine Gänsehaut auf seiner Haut entstehen. Panisch meidet er jeden Sichtkontakt mit einem der Spiegel, schaut stur gerade aus.

Ein Schild neben der Autobahn teilt ihm mit, dass er sich einer Raststelle nähert. Er beschließt, dem Wunsch seiner Insassen nachzukommen und anzuhalten. Ein wenig frische Luft könnte ihm gut tun. Nun wirft er doch einen zaghaften Blick in den Rückspiegel und stellt erleichtert fest, dass ihm das Bild nur die jetzt putzmunteren Leute zeigt, die sämtliche Busunfälle der letzten Zeit besprechen. Das kann er sogar nachvollziehen. Dennoch meint er, zwischen all dem aufgeregten Geplapper doch dieses Wispern heraushören zu können. Unmutig schüttelt er sich. Er ist einfach müde. Und die Gänsehaut wandert erneut über seinen Körper.

Donnerstag, den 24. Mai 2012 23:32 , in Geschichten und so


Mein Name ist Malte

Eine schlechte Geschichte kann gut werden, wenn sie richtig erzählt wird. Eine gute Geschichte kann schlecht werden, wenn sie falsch erzählt wird. Und es gibt Geschichten, die sind weder das eine, noch das andere, dafür aber erzählenswert. Manche Menschen suchen angestrengt nach Details, die nur für sie selbst wichtig sind. Für die eigene Erinnerung. Damit stockt der erzählerische Fluss, die Geschichte wird zu einer, mit irgendwelchen mühsam herausgekramten Namen und Orten gespickten, anstrengend zu verfolgenden Aneinanderreihung von Worten. Man hört eher aus Freundlichkeit, aus Höflichkeit zu. Ein Erzähler fügt ebenfalls Details hinzu. Doch damit sorgt er für eine gewisse Epik, die selbst ein einfaches Erlebnis in eine Geschichte verwandeln kann. So wie die Erzählung von Malte. Malte, der Legastheniker. Ein Mensch, den ich nicht kenne. Ein Mensch, den ich trotzdem mag. Weil er eine Geschichte ist.

"Der Anfang gefällt mir. Du musst mit ‚Mein Name ist Malte‘ beginnen!" Das rief ich D. zu, nachdem er mir 180 bis 200 Seiten eines Buches versprochen hatte, dass er nicht einmal geschrieben hatte. Wir hatten den wahrscheinlich ersten imaginären hypothetischen Roman erschaffen. D. insistierte: "Ja, aber ich bin ja nicht Malte. Das geht doch gar nicht. Du musst mich schon mit ‚Es war einmal‘ anfangen lassen und mir außerdem eine Kippe geben." Er hatte sich bereits eine Zigarette aus der vor mir liegenden Schachtel geangelt. Nachdem es nicht meine war, hatte ich auch nichts gegen seine Schnorrerei. Genüsslich steckte er sich die Kippe an, nahm einen tiefen Zug, stieß den Rauch aus und begann. Während der Qualm sich langsam in seltsam anmutenden Verschlingungen im Raum verteilte, lauschte ich gespannt auf die ersten Worte der Geschichte von Malte.

Malte, der Legastheniker.

Es war einmal nach einem großartigen Konzert. Aufgewühlt von guter Musik und den Eindrücken einer Show, die man nur live gewinnen kann, zogen die sieben jungen Männer durch Berlin. Trotz der fortgeschrittenen Stunde befanden sie den Abend für jung und beschlossen, noch zu einer WG-Party zu gehen. Den Weg dorthin spickten sie mit den Besuchen verschiedener Bars und einigen Drinks. Recht angeheitert erreichten sie am frühen Morgen gegen drei ihr eigentliches Ziel. Die Türe zu der, wie es Altbauten in dieser Großstadt so an sich haben, langgestreckten Wohnung war nur angelehnt und wurde nun schwungvoll aufgerissen. Im Flur kauerten oder lehnten an der Wand diejenigen, welche zu viel des Alkohols oder anderer Substanzen genossen hatten und starrten leicht hin und her wankend angestrengt auf ihre Füße. So als hofften sie bei dem wieder Halt zu finden, was sie durch ihr Leben trägt. Die jungen Männer öffneten die nächstbeste Tür, die sie gleich wieder schlossen. Ein Paar gab sich dahinter seiner Leidenschaft hin. Raum für Raum besahen sie sich, ohne zu verweilen. In einem Zimmer wurde lautstark und heftig gekickert. Schweigend und mit seltsam geweiteten Pupillen saßen im anderen mehrere Leute im Schneidersitz kreisförmig am Boden. Gröhlenderweise spielten in der Küche Mädels und Jungs ein Trinkspiel. Im nächsten Raum verteilt schliefen fünf junge Menschen ihren Rausch weg. Das Badezimmer hatten einige Schwule für sich vereinnahmt, von denen sich zwei gegenseitig in der Wanne einseiften, während die anderen kichernd versuchten, ebenfalls Hand anzulegen. Schließlich öffneten sie die letzte Türe und beschlossen zu verweilen. Nur Frauen befanden sich hier, die sich miteinander unterhielten und einen Joint kreisen ließen. In einer Ecke an der Wand saß ein einziger Junge und betrachtete schüchtern das Treiben. Die Tüte wanderte zu D., der ein, zwei tiefe Züge nahm, bevor er sie an seinen Kumpel weiterreichte. Dann ließ er sich neben dem Unbekannten nieder.

So saßen sie eine Weile schweigend da, lauschten den umherfliegenden Worten und starrten zufrieden vor sich hin. Leicht erschrocken zuckte D. zusammen. Eine Bierflasche tauchte plötzlich in seinem Blickfeld auf und hatte ihn aus seiner Gedankenverlorenheit aufgeschreckt. „Mein Name ist Malte“, sprach es neben ihm. D. realisierte, dass sein stummer Sitznachbar ihm das kühle Helle anbot und nahm es dankbar an. Er stellte sich ebenfalls vor und sie stießen miteinander an. Beide nahmen einen tiefen Schluck und ließen das erfrischende Hopfengetränk ihre Kehlen hinunterrinnen. Dann entspann sich ein Gespräch. Malte hatte eine herzerwärmend naive Art zu sprechen, die D. als sehr sympathisch empfand, die ihn aber auch ein wenig stutzig machte. Ein melodisches Nuscheln, das trotzdem gut verständlich war. Malte fand für alles sehr einfache Worte, die er selbst niemals in diesen Zusammenhängen verwendet hätte. Und er ließ sich für alles, was er sagte, viel Zeit. Er wirkte sehr offen, dabei leicht verunsichert, ohne wirklich schüchtern zu sein. Diese Pausen innerhalb eines flüssigen Gespräches waren auf seltsame Weise entspannend und dennoch fremd. „Ich bin übrigens Legastheniker.“ Vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen und überraschend kamen diese Worte. Mehr als ein „Ach so“ fiel D. dazu erst einmal nicht ein, unpassend wie dieser Laut auch war. „Naja, ich habe bemerkt, dass du es bemerkt hast.“ Ein Moment der Stille entstand. „Also, dass dich irgendwas an mir irritiert. Das geht den meisten so. Die brechen das Gespräch dann einfach ab und reden mit anderen. Nicht gemein oder so, aber sie meiden mich dann. Mehr unterbewusst. Wissen nicht, was sie so an mir verwirrt. Deshalb wollte ich einfach, dass du es weißt. Merkt man halt auch beim Sprechen. Ich kenne nicht so viele Wörter. Und lesen ist halt auch nicht so einfach…“ Malte verstummte. Und D. hatte zwar nicht die geringste Ahnung, wie man auf so eine Aussage richtig reagierte, tat aber einfach das Richtige. Er hob seine Bierflasche, stieß sie klirrend an die vom verunsichert auf den Boden starrenden Malte und erklärte: „Du bist ne verdammt coole Sau!“ Völlig perplex nahm der Beichtende einen tiefen Schluck, grinste dann und sie quatschten weiter über alles Mögliche. Dabei erzählte er auch, welchen Vorurteilen er so begegnen musste und D. bekam eine Ahnung davon, was es bedeutete, mit einer solchen Störung zu leben. Er war keinesfalls dumm, eher ziemlich intelligent. Das konnte er nur nicht so gut ausdrücken. Und sie hatten den gleichen Musikgeschmack. Als D. andeutete, demnächst gehen zu wollen und am Tag darauf in seine eigentliche Heimat zurückkehren sollte, sprang Malte auf. „Warte, ich muss dir die CD noch geben!“ Allerdings hatte er die Compilation, von der er erzählt  hatte, natürlich nicht in der Hosentasche stecken. Er verschwand, um sie zu holen.

Nach einer Stunde hatten die sieben Jungs beschlossen, die WG-Party zu verlassen und nun doch endlich das Ohr auf der Matratze zu betten. Sie verabschiedeten sich und D. bedauerte, dass dieser erstaunliche Junge nicht wieder zurückgekommen war. Gerade als sie die Wohnung verlassen wollten, erklangen vom unteren Treppenhaus her hastige Schritte. Tatsächlich kam Malte angehastet, eine mit krakeliger Schrift bemalte CD in der Hand schwenkend. „Hey D.! Gehst du oder was? Hier ist noch die Compilation“, strahlte er und drückte die Scheibe in D.s Hand. Damit hatte dieser überhaupt nicht mehr gerechnet. Das Kerlchen hatte im Eiltempo den Weg zu sich nach Hause zurückgelegt, die CD gebrannt und sich Mühe gegeben, sie auch zu beschriften. Da der erste Versuch misslungen war, hatte er sie ein zweites Mal kopiert und korrekt bezeichnet. D. fiel aus allen Wolken. Der Abschied fiel sehr herzlich aus.

 

Nachdem er sich nach der durchzechten Nacht endlich ausgeschlafen hatte, kurz gefrühstückt und jede Menge Kaffee zu sich genommen hatte, machte sich D. auf den langen Weg zurück gen Heimat. Während er über die Autobahn bretterte, legte er die Compilation von Malte ein. Die Musik war scheiße. Und trotzdem hörte er sie sich an. Wahrscheinlich würde er sich diesen Mix nie wieder anhören. Dennoch sollte die CD einen Ehrenplatz in seiner Sammlung erhalten. Weil Malte einfach Malte war. Ein Mensch, den man nicht wieder vergisst. Ein Mensch, der auf eine ganz simple Art einfach nur gut ist. Sein Name ist Malte.

  

Dienstag, den 15. Mai 2012 23:20 , in Geschichten und so


Bambi-Mörder

Ich befand mich auf dem Weg nach Hause. Es war ein Donnerstag und es war später Abend. Der Tag war durchgehend nicht sonderlich befriedigend gewesen, aber auch nicht als vollständig unnütz vertan anzusehen. Und er hatte noch eine Überraschung für mich parat. Leider keine, bei der man Freudensprünge macht.

 

Wir schreiben den 3. Mai 2012, kurz nach 22:00 Uhr. Ich habe eben die Autobahn verlassen und fahre nun mit den für eine Bundesstraße angemessenen 100 km/h gen kühles Tagesabschluss-Bier. Auf der vierspurigen Strecke herrscht nur mäßiger Verkehr.  In meinem neuen, keine fünf Wochen altem, schnittigen Kompaktwagen mit agiler Sportlenkung und allerlei anderer hübscher Ausstattung nähere ich auf mich meinem Zuhause. Nur mehr fünf Kilometer trennen mich von meiner Heimatstadt. In der dunklen Nacht, deren Sterne immer wieder zwischen den Wolken aufblitzen, breitet sich endlich ein Gefühl der inneren Ruhe in mir aus. Nach den letzten entscheidungsschweren, planungs- und ideenreichen Tagen fühle ich mich tatsächlich einmal wohl und glaube, einen Schritt in die richtige Richtung getan zu haben.

 

Da! Schlanke Schemen wechseln rasch über die Straße. Rehe! Ich drossele  hart meine Geschwindigkeit. Mein Körper wird nach vorne geschleudert, doch die Zugkraft des Gurtes drückt mich zurück in den Sitz. Der Wagen auf der Gegenfahrbahn reagiert glücklicherweise ebenso reflexartig. Die flinken Tiere verschwinden in der Dunkelheit. Exakt im Moment der Erleichterung springt ein letztes Reh auf den Asphalt und hetzt seiner Herde hinterher. Ein Ausweichen ist unmöglich. Mein Fuß tritt das gerade losgelassene Bremspedal bis zum Fahrzeugboden durch. Das verwirrte Tier hat mein Auto beinahe passiert, als es sich vor den Scheinwerfern des Entgegenkommenden erschrickt. Seine Richtung haltend macht es einen Satz von dem Fahrzeug weg. Mit einem dumpfen Schlag erfasse ich das Wildtier an der hinteren Flanke und schleudere es mitten auf die beiden Gegenfahrspuren. Der andere Pkw rollt mit einem weiteren lauten Geräusch direkt darüber hinweg. Und verschwindet.

Vollkommen geschockt halte ich neben einer Auffahrtsstraße rechts an und suche die Warnblinkanlage, die im ersten Reflex nicht dort ist, wo sie bei meinem Vorgängerwagen war. Nach kurzer Orientierung im Cockpit drücke ich den korrekten Knopf, schalte die Sitzheizung wieder aus und krame die Warnweste heraus. Während ich sie mir anlege, klaube ich das Handy aus der Ablage und gebe den Polizeinotruf ein. Ich atme tief durch und mache mir klar, dass ich zuerst die Unfallstelle absichern sollte, weil das arme Tier ja direkt auf der Straße liegt. Das Zittern meiner Knie ignorierend mache ich Anstalten auszusteigen, als mir gewahr wird, dass ein Auto hinter mir anhält. Zeitgleich verlassen wir unsere Pkw, es ist eine Frau, die mich wortgewaltig fragt, ob ich eine Panne hätte und Hilfe gebrauchen könnte. Ihr Fahrzeug kommt ins Rollen, sie hat die Handbremse nicht richtig gezogen. „Vorsicht! Vorsicht! Die Bremse!“ schreie ich sie an. Doch es ist zu spät. Mit einem metallenen Plopp zieht Stillstand in die surreale Szenerie ein. Eine Sekunde des Schweigens, dann sagt sie betreten: „Ochje, jetzt sind Sie mir auch noch draufgefahren.“ Ich habe gerade erst ein Reh getötet, habe mein neues Gefährt verunfallt, nichts gesichert und dann so etwas. Schreien, Weinen, Lachen. All das könnte ich gleichzeitig tun. Stattdessen kichere ich dämlich und erkläre meiner vermeintlichen Helferin, dass sich die Sachlage leider umgekehrt verhielte. Während ich die Veränderung ihrer Gesichtszüge im Scheinwerferlicht beobachte, sie die Abschüssigkeit der Strecke erkennt und ich hilflos die Ruftaste des bereits gewählten Notrufes drücke, rasen auf der Fahrbahn drüben drei weitere Autos über mein Crashopfer. Einer Zeitlupe ähnlich sehe ich das sich unter der Zugkraft der Geschwindigkeit aufbäumende leblose Wesen, glaube das Blut aufspritzen zu sehen und höre dieses unbeschreibliche Geräusch vom Überrollen eines  weichen Körpers.

 

Da meldete sich eine melodische, weibliche Stimme in meinem Handy. Zurückgerissen in die Realität, die Handeln verlangt schildere ich ihr das Vorgefallene. Meine Ersthelferin brabbelt leise konfuses Zeug und hampelt hektisch auf der Stelle herum.  Bei der Angabe meines exakten Standorts versagt meine Ortskenntnis und ich entlocke nach dreimaligem, mehr und mehr dringlichem Nachfragen der Auffahrerin die Informationen, die mir fehlen. Eine Polizeistreife wird geschickt. Mein Kopf ist wieder klar. Ich sage der Stimme in der Leitung noch, dass ich versuchen werde, das tote Tier von der Straße zu entfernen und lege auf. An das Warndreieck in meinem Kofferraum komme ich derzeit nicht heran, da mir ein Kombi auf dem Heck sitzt und ich versuche, die konfus umher hibbelnde Person dazu zu bringen, dass sie mir das ihre gibt. Ich möchte nicht, dass noch mehr Fahrzeuge über das Reh rauschen. Zum einen aus emotionalen Gründen, zum anderen aber auch, da dies weitere Gefahren für den Verkehr birgt. Stattdessen erklärt sie mir, dass sie erst einmal ihren Wagen zurücksetzen wird. Auch gut. Hauptsache, ich kann die Unfallstelle endlich absichern. Mit der roten, länglichen Plastikverpackung renne ich über die Straße, schätze grob die Entfernungen ab und entfalte das reflektierende Gestell. Bevor ich es abstellen kann, nähert sich ein Auto, sieht mich und versucht mich mittels Lichthupe vom Straßenrand zu verscheuchen. Dass nebenan ein warnblinkendes Fahrzeug parkt, ich in eine neonfarbene und reflektierende Weste gewandet bin und ein Warndreieck in den Händen halte, das alles scheint kein Grund zur Drosselung der Geschwindigkeit zu sein. Mit diesem grässlichen dumpfen Geräusch schießt der Wagen über das Reh. Ich muss es unbedingt von der Fahrbahn schaffen.

 

Gegenüber dreht meine unglückliche Ersthelferin ihre Runden um unsere beiden Pkw und sieht so aus, als würde sie Selbstgespräche halten. Ich lege etwa 50 Meter zurück, bis ich bei meinem Unfallopfer angelangt bin. Die Situation ist günstig, es ist kein Verkehr in Sicht. Ich stehe auf dem Grünstreifen und starre die Blutlache an, die sich um das Reh herum gebildet hat. Dieses ehemals so zierliche und edle Geschöpf ist zwar noch klar erkenntlich, hat aber nichts mehr mit der Anmut dieser Tiere zu tun. Und ich habe es getötet. Ich gebe mir einen Ruck, trete an die offensichtlich gebrochenen Hinterläufe und packe sie. Das Fell ist feucht und strömt eine leichte Wärme aus, dennoch ist definitiv kein Leben mehr in diesem leichtfüßigen Geschöpf. Dann zerre ich es von der Straße. Als ich es ablege, wird mir gewahr, wie erstaunlich leicht das Reh ist. Und ich hoffe, dass es ein erfülltes Leben hatte. So blöd das jetzt auch wirken mag.

Die Polizei ist noch nicht da. Jetzt muss ich mich um den Auffahrunfall kümmern, den Schaden feststellen, die Daten der Frau aufnehmen. Eben diese steigt gerade wieder in ihr Auto, da ein anderes auf die Bundesstraße auffahren will, deren Einfahrt von ihr blockiert wird. Ich muss ein bisschen grinsen. Meine Hände sind voller Blut. Ich habe nicht daran gedacht, die Handschuhe aus dem Erste-Hilfe-Kasten anzuziehen. Ein Wagen hat gerade kurz hinter dem Warndreieck angehalten. Es steigt ein junger Mann aus. Im Scheinwerferlicht geht er mir mit besorgter Miene entgegen. „Ist alles in Ordnung mit dir?“ So ruft er mir entgegen. Beschwichtigender Gestik erkläre ich, dass ich ein Reh erwischt habe, aber niemandem etwas passiert ist, die Polizei unterwegs ist und dass es schön ist, dass er angehalten hat, dennoch könne er durchaus weiterfahren. Alles unter Kontrolle. Irgendwie scheint er mir nicht zu glauben. Ernsthaft in Sorge steht er vor mir und befragt mich weiter nach meinem Gemütszustand. Mit einem zugegebenermaßen etwas makabren Scherz erkläre ich ihm die Situation. Er redet mit mir wie mit einem kleinen Kind. Das finde ich seltsam. Dann fällt mir ein, dass der Junge meine blutverschmierten Hände im Licht seines Pkw klar erkennen muss. Zudem umkreist die konfuse Frau drüben erneut unsere Autos, bleibt an meiner Front stehen und ruft: „Aber das hier vorne ist nicht von mir! Ich bin doch nur hinten drauf gerollt!“ Mir wird erst jetzt bewusst, dass sie überhaupt nichts von meinem Wildunfall mitbekommen hat und nur angehalten hat, weil ich dort mit Warnblinkanlage herumstand. Alles das trägt wohl nicht zur Beruhigung des jungen Mannes bei. Ich persönlich finde es jedoch toll, dass bereits zwei Menschen angehalten und ihre Hilfe angeboten haben. Er starrt mich immer noch tief besorgt an und endlich kläre ich die Sachlage auf. Er hat geglaubt, ich befände mich in einem Schockzustand und würde meiner eigenen Verletzungen nicht mehr gewahr werden. Nachdem er sich vom Gegenteil überzeugt hat, wird er äußerst nützlich. Feuchte Reinigungstücher zaubert er aus seinem Handschuhfach. Während ich meine Hände reinige, den Vorgang dieses Abends genauer schildere, sieht er sich die Schäden an meinem Wagen und dem der Erst“helferin“ an. Ich darf seine Daten aufnehmen, damit er als Zeuge dienen kann. Außerdem wirkt seine Anwesenheit auch sehr beruhigend auf die Frau, die mir ihre Adresse und Versicherungsdaten notiert. Nach kurzem Abgleich mit Ausweis kann ich endlich beide nach Hause schicken. In der Zwischenzeit hält jemand sein Auto an, um seine Hilfe anzubieten. Ich bin sehr überrascht von der nicht ganz so ausgeprägten Schlechtigkeit der Menschheit. Ich bin positiv überrascht. Das hätte ich nicht gedacht. Allen danke ich von Herzen. Das konnte ich hoffentlich auch so ausdrücken. Jedem, der mir helfen wollte und geholfen hat, habe ich zuerst dafür gedankt, dass sie angehalten haben.

 

Ich stehe alleine am Straßenrand und blicke auf die Stelle, wo das tote Reh lag. In der tiefen Dunkelheit lässt sich der Blutfleck nur schwer erkennen. Verschiedene Fahrzeuge passieren arglos die Strecke und streben ihrem Ziel entgegen. In der entstandenen Stille blicke ich in den Himmel. Meine Knie zittern jetzt wieder. Und da höre ich es. Das Fiepen der Rehe. Ein leichter Schauer überfährt mich. Diese Töne machen mich nach all dem Geschehenen traurig und nachdenklich. Die Herde des von mir getöteten Rehs scheint in der Nähe geblieben zu sein. Und für mich wirkt es so, als würden ihre Laute Trauer ausdrücken.

Eine Zigarette wäre gerade nicht schlecht, aber die liegen da, wo sich auch mein kühles Tagesabschluss-Bier befindet. Daheim. Ein Kombi verlangsamt seine Geschwindigkeit und hält vor meinem Wagen an. Ich laufe zu ihm. „Hey, was ist passiert? Brauchen Sie Hilfe, soll ich jemanden anrufen?“ Noch jemand, der sich um seine Mitmenschen kümmert. Ich bedanke mich ganz herzlich bei ihm und schicke ihn weiter. Schließlich warte ich jetzt nur noch auf die Polizei. Und dann kommt sie endlich.

 

Wir schreiben den 3. Mai 2012, 23:34 Uhr. Ich bin endlich daheim. Das kühle Tagesabschluss-Bier soll meinen Gemütszustand beruhigen. Heute hatte ich einen durchweg unbefriedigenden Tag, der bis zur späten Abendstunde aber nicht als vollends unnütz vertan angesehen werden konnte. Stattdessen nahm er eine Wendung, die ich niemals erwartet hätte. Ich habe ein Reh getötet. Ich habe ein Stück weit meinen Glauben an das Gute in den Menschen zurück gewonnen. Ich habe gleichzeitig erfahren, dass es Menschen gibt, die Zeuge eines Unfalls werden und auf Nimmerwiedersehen verschwinden, ohne auch nur später zum Telefon zu greifen, um das Vorgefallene anonym zu melden. Und ich habe gelernt, dass ich mich in einem Ausnahmezustand trotz eines Schocks richtig und verantwortungsbewusst verhalten kann.

Naja. Zu alle dem habe ich meinen neuen Geschäftswagen in einen Unfallwagen verwandelt, der jetzt vorne und hinten eine neue Stoßstange benötigt, während ich den neuen Firmenrekord in Sachen Schäden an Autos gesetzt habe. Aber mir selbst ist nichts passiert. Auch sonst keinem Menschen. Dennoch habe ich ein Reh auf dem Gewissen. Und das lastet irgendwie schwer. Obwohl es „nur“ ein Tier „ohne Seele“ ist.

Samstag, den 12. Mai 2012 00:56 , in Verkehr(te) Welt


... weil du es eben doch nicht bist

Der Abklatsch deines Selbst erstrahlt im kalten Neonlicht, auf dass ein jeder erkennen möge, dass du unzulänglich bist. Und schlimm ist, dass du hart daran gearbeitet hast, dort zu sein, wo du heute bist. Hart am eigenen Ruin gearbeitet, was dir dann erst klar wird, wenn die Scherben deines Daseins auf dich hinunter rieseln. Du dachtest, du wärst stark und würdest mit allem fertig werden, was die Welt so zu bieten hat. Stattdessen ist diese Stärke reiner und völlig falsch angelegter Ehrgeiz, der es geschafft hat, dass du nun ein ängstliches, zusammengeschrumpftes Wesen bist, dessen Streben nach Verdrängung mit zitternden Gliedmaßen endet.

Seit etwa einem Jahr bist du nicht mehr der Mensch, der du einmal warst. Dein herzhaftes Lachen ist verloren gegangen. Überschattet von zu vielen Sorgen. Das Blitzen in deinen Augen ist verloren gegangen. Hintergründig von tief sitzender Traurigkeit überlagert. Dein Schwung, deine Kreativität, deine Unternehmungslust haben sich verabschiedet. Dringen nur hin und wieder in guten Momenten einmal durch. Die Fähigkeit, deine Familie und Freunde, deinen Job, deinen Haushalt und deine Reisefreudigkeit miteinander zu vereinbaren, ist verschwunden. In dir drinnen findet sich nur eine Leere. Im Spiegel erkennst du den einst so lebensfrohen Menschen nicht wieder. Du magst schlicht und ergreifend nicht mehr. Du bist erschöpft. Du bist so müde. Du hast eine tiefsitzende, nicht recht zu erfassende Angst. Du schläfst schlecht. Du ziehst dich zurück und empfindest sogar einen Kneipenabend mit Freunden als Pflicht. Die Pflicht, irgendwie Verbindungen nach außen aufrecht zu erhalten. Dein Privatleben leidet. Deine tagtäglichen Pflichten leiden. Deine Arbeitsleistung leidet. Dann erwischt dich eine Krankheit, die dich völlig zum Erliegen bringt. Sieben Tage reine Bettruhe und findest die Zeit, um dir über vieles klar zu werden. Ein Verdacht. Ein Test. Ein Besuch beim Arzt. Die Überwindung, den Verdacht anzusprechen. Das dir fremd gewordene Gefühl, verstanden zu werden. Ein Hauch von Feuchtigkeit in deinen Augen. Die Überweisung zu einem Spezialisten, die den Verdacht bestätigt. Der Verdacht auf eine depressive Störung oder ein sich entwickelnder Burn-Out. Die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit. Weil du eben doch nicht so stark bist, wie du dachtest. Wie du sein wolltest.

Definiere dich neu, sonst gehst du unter. Es ist schwierig, den Kampf aufzunehmen, wenn du eigentlich nicht mehr kannst. Unterzugehen ist aber auch keine Lösung. Wie willst du kämpfen, wenn du kraftlos bist? Jetzt ist dein Ehrgeiz gefragt, der vorher gegen dich gearbeitet hat. Richtiger Ehrgeiz, richtige Stärke. Nun kannst du dich tatsächlich beweisen. Viel Erfolg!

Blog von mona :Was ist schon normal?, ... weil du es eben doch nicht bist

Mittwoch, den 14. Dezember 2011 23:20 , in Ganz alltäglich


Ungespurt

Ich fahre auf die A9 Richtung Berlin auf und trete mein Gaspedal durch. Auf dem kommenden Teilstück kann man nämlich so richtig schön Speed geben, der Verkehr hält sich in Grenzen, die Strecke ist dreispurig und ziemlich gerade. Das macht Spaß! Mein Tachometer zeigt 190 km/h an, als beim Pkw vor mir die Bremslichter aufleuchten. Die Straßenmeisterei hat eine Geschwindigkeitsbeschränkung aufgestellt, auf dem mir eine 100 entgegen leuchtet. Ausrollen lassen bringt nichts, ich bin zu schnell und bremse ebenfalls ab.

Der harte Winter hat die Spurenlinien vernichtet, daher hat man hier Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet. Durchaus sinnig. Wer die Strecke nicht kennt, weiß nicht, ob die Autobahn hier zwei- oder dreispurig ist. Und ohne Kennzeichnung fährt man da schon einmal ziemlich wüst durcheinander. Überholende zischen nur wenige Zentimeter an den Seitenspiegeln der anderen vorbei und Kurven werden sehr ungenau ausgefahren. Eigentlich erstaunlich, wie schnell man ziemlich hilflos wird, wenn keine Linienführung mehr vorhanden ist. Ich habe das einmal bei einem frisch asphaltierten Autobahn-Teilstück erlebt, bei dem man scheinbar weder die Zeit für Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder, noch für die Spurung gefunden hatte. Die Straße war leer vor mir, abgesehen von einem Kombi. Der dachte wohl, mit der Mitte könne er nichts falsch machen. Allerdings war die Strecke recht eng gehalten, ergo für zwei Spuren ausgerichtet. Und er fuhr rasante 80 km/h. Aaaarhg! Ich mutierte zum HB-Männchen und tobte auf meinem Sitz hin und her, während mich meine beiden Mitfahrer vergeblich zu beruhigen versuchten. Da schießt mir das Blut einfach in den Kopf. Logischerweise hält man sich in so einer Situation doch möglichst rechts. Schließlich sind die Leitplanken ein ziemlich guter Linienersatz. Ja, nee! Mitdenken nicht für ein Cent! Die goldende Mitte! Aaargh! Und dann war das auch noch so ein Damel, der seine Spiegel komplett ignoriert. Ansonsten hätte er mein wütendes Wesen bereits im entdeckt und Platz gemacht. Oder er gehörte zu der Sorte, die irgendeine Art von Befriedigung daraus ziehen, ihren Mitmenschen gehörig auf den Zeiger zu gehen. In solchen Momenten würde ich zu gerne das tun, was als Nötigung im Straßenverkehr strafbar ist. Das tue ich aber nicht, weil ich zum einen meine Punkteliste gerne bei Null belassen will und zum anderen weil ich manchmal einfach ein zu netter Mensch bin. Letzteres hätte mir der Kombifahrer zwar sicher nicht bestätigt, hätte er einen Blick in den Rückspiegel gewagt, aber das tat er ja geflissentlich nicht. Aaargh!

Ich fuhr also mein Fullspeed-Teilstück der A9 brav mit 110 km/h bis zu meiner Abfahrt. Später auf dem Rückweg hatte ich dann eine Fragezeichen-Erkenntnis. Es handelte sich um exakt die gleiche Strecke, bis auf die Tatsache, dass ich die Autobahn nun Richtung München fuhr. Auch auf dem Gegenstück hatte der Frost die Linienführung weitestgehend getilgt, daher hat man hier Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet. Die Geschwindigkeitsbegrenzung lag bei 130 km/h. Bing! Fragezeichenalarm! Wieso darf man Richtung Berlin nur 100 km/h fahren, Richtung München aber 30 km/h mehr? Straßenschäden sind in beiden Richtungen nicht vorhanden. Gleiche Strecke! Verstehe ich nicht. T'schuldigung, das verstehe ich wirklich nicht! Gibt es da Studien über die psychischen Auswirkungen auf den Orientierungssinn, in welche Himmelsrichtung man sich bewegt? Ich verstehe es einfach nicht!

Montag, den 07. Februar 2011 19:57 , in Verkehr(te) Welt


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