... weil du es eben doch nicht bist

Der Abklatsch deines Selbst erstrahlt im kalten Neonlicht, auf dass ein jeder erkennen möge, dass du unzulänglich bist. Und schlimm ist, dass du hart daran gearbeitet hast, dort zu sein, wo du heute bist. Hart am eigenen Ruin gearbeitet, was dir dann erst klar wird, wenn die Scherben deines Daseins auf dich hinunter rieseln. Du dachtest, du wärst stark und würdest mit allem fertig werden, was die Welt so zu bieten hat. Stattdessen ist diese Stärke reiner und völlig falsch angelegter Ehrgeiz, der es geschafft hat, dass du nun ein ängstliches, zusammengeschrumpftes Wesen bist, dessen Streben nach Verdrängung mit zitternden Gliedmaßen endet.

Seit etwa einem Jahr bist du nicht mehr der Mensch, der du einmal warst. Dein herzhaftes Lachen ist verloren gegangen. Überschattet von zu vielen Sorgen. Das Blitzen in deinen Augen ist verloren gegangen. Hintergründig von tief sitzender Traurigkeit überlagert. Dein Schwung, deine Kreativität, deine Unternehmungslust haben sich verabschiedet. Dringen nur hin und wieder in guten Momenten einmal durch. Die Fähigkeit, deine Familie und Freunde, deinen Job, deinen Haushalt und deine Reisefreudigkeit miteinander zu vereinbaren, ist verschwunden. In dir drinnen findet sich nur eine Leere. Im Spiegel erkennst du den einst so lebensfrohen Menschen nicht wieder. Du magst schlicht und ergreifend nicht mehr. Du bist erschöpft. Du bist so müde. Du hast eine tiefsitzende, nicht recht zu erfassende Angst. Du schläfst schlecht. Du ziehst dich zurück und empfindest sogar einen Kneipenabend mit Freunden als Pflicht. Die Pflicht, irgendwie Verbindungen nach außen aufrecht zu erhalten. Dein Privatleben leidet. Deine tagtäglichen Pflichten leiden. Deine Arbeitsleistung leidet. Dann erwischt dich eine Krankheit, die dich völlig zum Erliegen bringt. Sieben Tage reine Bettruhe und findest die Zeit, um dir über vieles klar zu werden. Ein Verdacht. Ein Test. Ein Besuch beim Arzt. Die Überwindung, den Verdacht anzusprechen. Das dir fremd gewordene Gefühl, verstanden zu werden. Ein Hauch von Feuchtigkeit in deinen Augen. Die Überweisung zu einem Spezialisten, die den Verdacht bestätigt. Der Verdacht auf eine depressive Störung oder ein sich entwickelnder Burn-Out. Die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit. Weil du eben doch nicht so stark bist, wie du dachtest. Wie du sein wolltest.

Definiere dich neu, sonst gehst du unter. Es ist schwierig, den Kampf aufzunehmen, wenn du eigentlich nicht mehr kannst. Unterzugehen ist aber auch keine Lösung. Wie willst du kämpfen, wenn du kraftlos bist? Jetzt ist dein Ehrgeiz gefragt, der vorher gegen dich gearbeitet hat. Richtiger Ehrgeiz, richtige Stärke. Nun kannst du dich tatsächlich beweisen. Viel Erfolg!

Blog von mona :Was ist schon normal?, ... weil du es eben doch nicht bist

Mittwoch, den 14. Dezember 2011 23:20 , in Ganz alltäglich


Ungespurt

Ich fahre auf die A9 Richtung Berlin auf und trete mein Gaspedal durch. Auf dem kommenden Teilstück kann man nämlich so richtig schön Speed geben, der Verkehr hält sich in Grenzen, die Strecke ist dreispurig und ziemlich gerade. Das macht Spaß! Mein Tachometer zeigt 190 km/h an, als beim Pkw vor mir die Bremslichter aufleuchten. Die Straßenmeisterei hat eine Geschwindigkeitsbeschränkung aufgestellt, auf dem mir eine 100 entgegen leuchtet. Ausrollen lassen bringt nichts, ich bin zu schnell und bremse ebenfalls ab.

Der harte Winter hat die Spurenlinien vernichtet, daher hat man hier Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet. Durchaus sinnig. Wer die Strecke nicht kennt, weiß nicht, ob die Autobahn hier zwei- oder dreispurig ist. Und ohne Kennzeichnung fährt man da schon einmal ziemlich wüst durcheinander. Überholende zischen nur wenige Zentimeter an den Seitenspiegeln der anderen vorbei und Kurven werden sehr ungenau ausgefahren. Eigentlich erstaunlich, wie schnell man ziemlich hilflos wird, wenn keine Linienführung mehr vorhanden ist. Ich habe das einmal bei einem frisch asphaltierten Autobahn-Teilstück erlebt, bei dem man scheinbar weder die Zeit für Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder, noch für die Spurung gefunden hatte. Die Straße war leer vor mir, abgesehen von einem Kombi. Der dachte wohl, mit der Mitte könne er nichts falsch machen. Allerdings war die Strecke recht eng gehalten, ergo für zwei Spuren ausgerichtet. Und er fuhr rasante 80 km/h. Aaaarhg! Ich mutierte zum HB-Männchen und tobte auf meinem Sitz hin und her, während mich meine beiden Mitfahrer vergeblich zu beruhigen versuchten. Da schießt mir das Blut einfach in den Kopf. Logischerweise hält man sich in so einer Situation doch möglichst rechts. Schließlich sind die Leitplanken ein ziemlich guter Linienersatz. Ja, nee! Mitdenken nicht für ein Cent! Die goldende Mitte! Aaargh! Und dann war das auch noch so ein Damel, der seine Spiegel komplett ignoriert. Ansonsten hätte er mein wütendes Wesen bereits im entdeckt und Platz gemacht. Oder er gehörte zu der Sorte, die irgendeine Art von Befriedigung daraus ziehen, ihren Mitmenschen gehörig auf den Zeiger zu gehen. In solchen Momenten würde ich zu gerne das tun, was als Nötigung im Straßenverkehr strafbar ist. Das tue ich aber nicht, weil ich zum einen meine Punkteliste gerne bei Null belassen will und zum anderen weil ich manchmal einfach ein zu netter Mensch bin. Letzteres hätte mir der Kombifahrer zwar sicher nicht bestätigt, hätte er einen Blick in den Rückspiegel gewagt, aber das tat er ja geflissentlich nicht. Aaargh!

Ich fuhr also mein Fullspeed-Teilstück der A9 brav mit 110 km/h bis zu meiner Abfahrt. Später auf dem Rückweg hatte ich dann eine Fragezeichen-Erkenntnis. Es handelte sich um exakt die gleiche Strecke, bis auf die Tatsache, dass ich die Autobahn nun Richtung München fuhr. Auch auf dem Gegenstück hatte der Frost die Linienführung weitestgehend getilgt, daher hat man hier Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet. Die Geschwindigkeitsbegrenzung lag bei 130 km/h. Bing! Fragezeichenalarm! Wieso darf man Richtung Berlin nur 100 km/h fahren, Richtung München aber 30 km/h mehr? Straßenschäden sind in beiden Richtungen nicht vorhanden. Gleiche Strecke! Verstehe ich nicht. T'schuldigung, das verstehe ich wirklich nicht! Gibt es da Studien über die psychischen Auswirkungen auf den Orientierungssinn, in welche Himmelsrichtung man sich bewegt? Ich verstehe es einfach nicht!

Montag, den 07. Februar 2011 19:57 , in Verkehr(te) Welt


Das Ding

Blog von mona :Was ist schon normal?, Das Ding

Mir ist so kalt. Zusammengerollt liege ich in meinem Bett und versuche die dicke Decke so um mich zu wickeln, dass ich darunter endlich nicht mehr friere. Sämtliche Glieder tun mir weh und meine Zehen, die werden trotz des heißen Kirschkernkissens nicht wärmer. Bibbernd rolle ich mich von einer Seite auf die andere. Von draußen klingt ein Heulen in meine Wohnung hinein. Überhaupt hat die Geräuschkulisse ziemlich starke Ausmaße für die späte Stunde an einem normalen Wochentag angenommen. Ich muss wohl zumindest ein wenig eingeschlummert sein, denn ich kann mich nicht erinnern, wann all der Krach dort draußen eingesetzt hat. Ein wenig desorientiert setze ich mich auf, schneuze meine verstopfte Nase und zucke leicht zusammen. Waren das Schüsse? Blaues, regelmäßig schnell auf und wieder abglimmendes Licht scheint durch meine Jalousien. Da! Das sind tatsächlich Schüsse. Was zum Teufel ist hier los? Das seltsame Heulen erklingt wieder. Menschen schreien. Irgendein unheimliches Grollen liegt im Hintergrund. Frierend schleppe ich mich aus dem Bett und packe mich in warme Jacken ein, bevor ich auf den Balkon trete, um nachzusehen. Leicht angewidert stelle ich fest, dass mir der Schleim aus den Nebenhöhlen inzwischen bereits aus den Augen tropft. Die Minusgrade dieses Februars treffen mich wie ein eisiger Schlag, als ich dick vermummelt nach draußen gehe. Über meine Gliedmaße verliere ich fast alle Kontrolle, sie zittern einfach nur noch. Ich beuge mich über das Geländer und werde schreckenstarr.

Die Szenerie dort unten scheint direkt einem dieser reichlich unrealistischen Action-Filme entsprungen zu sein. Zwei Feuerwehr- und ein Krankenwagen liegen im eigentlich weißen Feld und wirken jeweils eigenartig geknickt. Als wären sie beim Versuch abrupt zu bremsen quer mit hoher Geschwindigkeit in eine Säule oder so etwas in der Art hineingerauscht. Nur dass es weder in meiner Straße noch in dem Feld so etwas gibt. Der Schnee drumherum zeigt viele Spuren und noch mehr dunkle Flecken. Von hier oben aus dem 12. Stock kann ich nicht erkennen, was es ist, aber eine dunkle Ahnung hat mich bereits in den Klauen. Das Blaulicht sorgt für eine nicht ganz undramatische Beleuchtung. Menschen laufen hektisch durcheinander. Ein Polizeiauto liegt auf dem Dach, die Karosserie wirkt, als wäre sie aufgeschlitzt worden. Dieses Heulen geht mir durch Mark und Bein. Es hat nichts menschliches an sich. Aber auch nichts mechanisches oder elektronisches. Nur etwas sehr bedrohliches. Etwas knallt, eine Alarmanlage schrillt und ein Auto auf dem Parkplatz zum Hochhaus geht in Flammen auf. Ein dunkler Schatten, vom Feuer eingehüllt springt auf den nächsten Pkw. Gebrüll erklingt und es werden wieder Schüsse abgeben. Scheiße, mein Auto! Was treiben die da nur? Und woher haben die alle die Waffen? Der Schatten richtet sich zu seiner vollen Größe auf, die anatomisch irgendwie nicht korrekt sein kann. Das ist alles viel zu langgezogen. Dann kauert sich das Ding wieder zusammen, macht einen kraftvollen Satz, landet auf dem kleinen Holzverschlag, wo die Müllcontainer unterstehen und hüpft von dort aus in den nächsten Balkon. Es ist im Haus! Ich schätze, ich verliere den Verstand. Noch einmal lasse ich meinen Blick schweifen. Ist das alles real? Die Lichter der Stadt sind heute nicht so hell wie sonst. Weiter hinten kann ich verglimmende Feuer erkennen. Der große Supermarkt, auf den ich sonst direkt blicke, er ist verschwunden. Verschwunden? Hallo, mein ganz persönlicher Dachschaden, sei gegrüßt. Wie kann ein so großes Gebäude bitte einfach verschwinden? Der Supermarkt bleibt verschwunden. Durch meine verstopfte Nase hat sich jetzt endlich der Brandgeruch gekämpft. Die umliegenden Wohnhäuser sehen auch ziemlich mitgenommen aus. Überall sieht man Rauchschwaden ziehen, die noch dunkler als die Nacht sind. Während ich von Schüttelfrost gebeutelt im Bett lag, wurde scheinbar die komplette Stadt zerstört. Haben wir Krieg? Haben wir einen Super-GAU? Verdammt, was ist hier los?

Ich schaffe es nicht, all das, was ich sehe und höre zu realisieren, geschweige denn in einen sinnvollen Einklang zu bringen. Gestern Abend kam ich ganz von der Arbeit nach Hause und fühlte mich ziemlich mitgenommen, was in Anbetracht einer Virusinfektion wohl nicht sonderlich verwunderlich ist. Die Nachrichten brachten keine überraschenden Neuigkeiten, alles war so normal, wie es in unserer verrückten Zeit eben möglich ist. Ich hatte ein lustiges Telefonat und habe etwas für den Verein vorbereitet. Und jetzt scheint so mir nichts, dir nichts das Ende der Welt gekommen zu sein. Und was war das überhaupt für ein seltsames Ding? Und wieso habe ich von allem nichts mitbekommen. Oh, scheiße! Meine Schreckenstarre hat sich gelöst, meine Glieder zittern wieder im Einklang. Diesmal könnte es allerdings an meiner Angst liegen. Ich gehe rein und greife zum Telefon. Die Leitungen sind tot. Das Licht geht plötzlich aus. Irgendwo klingelt ein Wecker. Von ganz oben erklingt wieder dieses Heulen. Scheinbar ist das unheimliche Ding jetzt auf dem Dach und, und... ach, was weiß ich, was so ein Ding auf dem Dach treibt. Eine Tür fliegt mit Karacho in meinem Stockwerk auf. Lautes Geflüster erfüllt den Flur, Getrappel und hektische Bewegungen. Ich spähe durch den Spion an der Tür und sehe meine Nachbarn, die panisch den Knopf für den Aufzug drücken. Meine Klingel schrillt. Erschrocken springe ich rückwärts, sehe noch einmal durch das Guckloch und öffne. "Was ist denn mit Ihnen los?" Ein Blick in Flurspiegel erklärt diese Frage sofort. Wie das blühende Leben sehe ich nicht gerade aus, eher wie eine wandelnde Leiche, blass mit blutunterlaufenen Augen und einer Nase, die in durch übermäßige Taschentuchstrapazierung in Fetzen hängt. Es heult wieder, diesmal klingt es erschreckend nahe. Das Ding scheint auf dem Weg zu uns zu sein. Der große, weißhaarige Mann schreit jetzt: "Wir fliehen! Kommen Sie mit!" Ich schlüpfe in meine Stiefel. Dann umfasst mich vollständige Dunkelheit.

Ich erwache und fühle mich völlig zerstört. Mein Kopf dröhnt, meine Glieder schmerzen und bewegen kann ich mich auch irgendwie nicht so sonderlich gut. Mein Hals tut weh und meine Kehle ist völlig ausgedörrt. Vorhin hatte ich doch eine Flasche Wasser neben meinem Bett. Wo ist die nur? Langsam taste ich mit der Hand um mich herum und meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Ich finde kein Wasser und bin außerdem irgendwo, nur nicht daheim. Mir ist schrecklich kalt und ich zittere. Verwundert stelle ich fest, dass ich Stiefel anhabe, außerdem in Jacken, Schals und Mütze gewickelt bin. Zusätzlich wurde eine grobe, dünne Wolldecke über mir ausgebreitet. Verdammt, was ist hier los? Eine vage Erinnerung überkommt mich. Der Lärm in der Nacht, die Feuer, die Zerstörung, die Schüsse, das Ding und meine Nachbarn, die mit mir fliehen wollten. Mühsam rappele ich von meinem offensichtlich provisorisch zusammengestellten Lager auf und versuche mich zu orientieren, als ein Licht aufflammt und durch den Raum wandert. Er ist klein mit festen Mauern und besitzt kein Fenster. Der Boden ist überhäuft mit Decken, Kissen und Schlafsäcken. Scheinbar hausen hier um die zwanzig Menschen. Ein großes Tor mit darin eingelassener Türe sagt mir, dass ich in einer Garage bin. Die Person, ich kann nicht einordnen ob Frau oder Mann, die mir mit der Taschenlampe geleuchtet hat, beginnt zu reden. "Den Aufzug haben wir vergessen können, da saß das Ding drin und schlüpfte in die Haut vom Benni aus dem 15. Stock. Den Rest von ihm hat er einfach aufgehängt. Wie Weihnachtsdeko. Der Benni ist tot, ganz bestimmt. Trotzdem kam er uns dann im Treppenhaus hinterher. Der hat dann aber was interessanteres entdeckt, sonst wären wir jetzt auch Deko. Oder Kostüme. Wir sind dann einfach gerannt und haben Unterschlupf gesucht. Die andern ja auch alle. Und dann immer dieses Heulen. Und die Irren mit den Waffen. Haben einfach auf jeden geschossen. Und die Toten. Alle mit so drei Schlitzem überm Körper. Total entstellt. Ich hab gekotzt. Du warst ja ohnmächtig oder so. Hast nur Mist gebrabbelt und gezittert. Das Fieber muss hoch gewesen sein. Haben dann das hier gefunden. Der Tag war schlimm, aber noch andere haben überlebt. Wohnen jetzt alle hier. Ist ja alles verloren. Kaputt und nicht mehr da. Ich hab eine Armee mit Pferden gesehen. So wie früher. Die sind über alles drüber. Aber früher ging nicht so viel kaputt. Jetzt ist nur noch Staub da. Das Ding klaut die Toten. Und vorhin erst auch den Gerd. Der war noch nicht tot. Jetzt schon. Trau dem Gerd nicht, wenn du ihn siehst." Damit steht die Person auf und verlässt die Garage. Ich habe keine Ahnung wer Benni und Gerd sind oder waren oder was auch immer, ebensowenig wie ich weiß, was ich von der Geschichte halten soll.

Ich will nach Hause. Ich gehe. Draußen stehe ich und bin völlig desorientiert. Da ist kein Schnee. Nur eine Art erdige Wüste. Gestampfter Boden. Ein paar Menschen, die an irgendetwas bauen. Es ist mir trotzdem seltsam vertraut. Hier und dort lässt sich erahnen, dass einmal Gebäude standen. Und plötzlich weiß ich, wo ich bin. Das ist, das war meine Heimatstadt. Nichts ist mehr übrig. Als hätte eine Atombombe alles ausgelöscht und plattgewalzt. Dieses schaurige Heulen erklingt wieder und lässt mich zusammenzucken. Wackeligen Schrittes tapse ich los. Ich will in mein Bett. Ist das alles real? Jemand hält mich auf. Ich kenne ihn nicht. Er redet so viel. Dass wir alle nichts mehr haben, dass wir alle sterben, dass das Ding uns ermorden will, dass uns niemand helfen kann, dass ich eine Waffe brauche, dass Waffen es nicht töten können. Er geht und halte ein Gewehr in meinen Armen. Ich verstehe gar nichts und starre nur darauf. Schnell hält die Dunkelheit Einzug. Ein einzelner Posaunenstoß ertönt. Die Menschen suchen sich eine Deckung und halten ihre Waffen schussbereit. Ich stehe mitten darin und realisiere immer noch nichts. Gelbe Augen leuchten vor mir auf, ein bösartiges Grinsen mit raubtierhaften Zähnen erscheint. Eine Hand mit drei messerscharfen Klauen blitzt auf und jemand reißt mich zu Boden. "Es kommt!"

Ein Wecker klingelt und ich stelle fest, dass ich doch in einem Bett liege. Ich ertaste meine Wasserflasche und trinke gierig. Nach ein paar Minuten wird mir auch bewusst, dass ich doch in meiner Wohnung bin. Mein Fieberthermometer zeigt mir eine hohe Temperatur. Und unendlich langsam wird mir endlich klar, dass alles das Produkt einer fiebrigen Halluzination war.

Donnerstag, den 03. Februar 2011 23:29 , in Geschichten und so


Zwischen den Feiertagen


Das Kind, das Untier, das Monster, welches mich Ende September in Schockzustände versetzte, das ist inzwischen ein ziemlich niedlicher kleiner Wurm, der nur noch seine Blähungen in den Griff bekommen sollte, damit man sie wirklich jederzeit anhimmeln kann. Naja... und das durchdringende Schreiorgan könnte sie noch in ein glockenhelles Stimmchen verwandeln. Ansonsten ist aus dem sechswöchigen Mutter-Quäldesaster ein liebenswürdiges, quicklebendiges Baby geworden, das (glücklicherweise) Edgar, die Eule nicht sonderlich zu schätzen weiß. Und inwiefern Geschichten von Bettlakengespenstern in irgendeiner Form einschläfernd wirken sollen, wissen weder die Mama, die Kleine noch ich so recht. Nervenaufreibend im Sinne von absolut nervig trifft es eher. Das Kind steht auf HipHop und ist damit familiär völlig aus der Art geschlagen. Aber das wächst sich sicherlich noch aus. Die nicht verwandte Tante hat nämlich bestimmt auch in späteren Jahren absolut keine Lust, den pubertierenden Teenager als Aufpassschutz auf solch ein Konzert zu begleiten.

Wie auch immer. Nach dem alljährlichen Weihnachtstrubel, der in diesem Jahre völlig ausgeblieben ist mangels familiären Vorhandenseins, beschloss ich meine wenigen Urlaubstage dafür zu nutzen, um auf Tour in die neuen Bundesländern zu gehen. Mein Vater verbrachte Heiligabend mitsamt der Feiertage in einem Reha-Klinikum, das in einem Kurort angesiedelt ist, wo Straßenräumung im Winter scheinbar ein Fremdwort ist, um sich dort von den Folgen seiner Nieren-OP zu erholen. Meine Mutter absolvierte abwechselnd Spät- und Nachtdienst in dem Kinderkrankenhaus, in welchem sie ihr täglich Brot verdient. Deshalb blieb auch mein Bruder der alten Heimat fern. Und so verbrachte ich den Heiligabend ganz unchristlich mit dem Kochen einer leckeren Orangen-Karotten-Ingwer-Cremesuppe mit einer Freundin und Arbeitskollegin sowie dem Genuß zweier Horrorfilme vom Feinsten. Abholen tat mich auf Grund der hohen Schneeverwehungen gegen zwei Uhr morgens eine offroadfähige G-Klasse. Die sprang als Taxi ein, da in dem Wohngebiet, wo ich gastieren durfte, die Stadt ebenfalls nicht allzuviel Mühe in die Straßenräumung investierte. Am Tag darauf bzw. später am gleichen Tag schoben mich beim Projekt Autoabholung Freundin samt Mutter zurück in die Einfahrt, da es eine ziemlich schlechte Idee war, meinen Pkw bergauf (die kürzere Strecke) manövrieren zu wollen. Einzig der Rückwärtsgang ließ eine Bewegung meines Gefährts zu. Der Umweg den Hügel hinab klappte fahrtechnisch und vorwärts wesentlich besser, weshalb die Mehrkilometer gut angelegt waren.

Am Montag dann bestieg ich dann mutig erneut meine 90 kristallweißen Pferde und machte mich auf nach BB, wo meine Freundin mit ihrem nicht ganz zwei Monate jungem Nachwuchs sich heimisch fühlt. Die Fahrt gestaltete sich äußerst ruhig. Diverse Schneepflüge und Streufahrzeuge hatten beschlossen, den Zwischenfeiertagsverkehr in unspektakuläre Bahnen zu lenken. Da ich aus Oberfranken stamme, einer Gegend, die sich vor Schnee kaum mehr zu retten weiß, war es mir völlig unverständlich, weshalb beim leichtesten Flockengeriesel von oben sämtliche Bremslichter auf der Autobahn aufleuchteten und die Fahrzeuge ihre Geschwindigkeit auf etwa 70 km/h oder noch weniger drosselten. Die linke Fahrspur gehörte mit 120 km/h den wintererprobteren Fahrern Deutschlands. Also auch mir. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als zwei Räumfahrzeuge großflächig alle Spuren für ihren Besitz erklärten. Sicherheit geht vor. Daher senkte auch ich bereitwillig mein Tempo auf den hier noch asphaltschwarzen Straßen. Das ist in Ordnung. Anderswo hat der Winter eben nicht halb so hart eingeschlagen wie in meiner Heimat. Lalala. Dumdidum. Fahrt ihr auch mal wieder von der Autobahn ab? Nach einer halben Stunde nervenaufreibend spannender Verfolgungsjagd des Duos an orangefarbenen Gefährte der hiesigen Straßenmeisterei zeigte mein Navigationsgerät eine nicht unerhebliche Verspätung bei der Ankunftszeit an, weshalb ich freisprecheinrichtungstechnisch meine Freundin informierte. Es war schon dunkel, als ich endlich in BB eintraf. Mein Ziel war ein Wohnblock. Einer von denen, in denen alles gleich aussieht und in denen in ihrer weiten Verzweigung mit diversen Kleinstkreisverkehren und Kreuzungen keine überflüssigen Straßennamen-Nennungsschilder angebracht sind. Mein Navi erklärte mich für angekommen, ich suchte einen Parkplatz, holte mein Köfferchen aus dem Auto und suchte die entsprechende Hausnummer. Das als Orientierungshilfe angedachte Telefonat mit meiner Freundin ergab keinerlei brauchbare Ergebnisse, außer jeder Menge Fragezeichen über ihrem und meinem Kopf. Die korrekte Hausnummer fand ich nicht. Stattdessen stieß ich auf ein Seniorenwohnheim, eine Nebenstraße, die Schrebergärten und den Rentner.  Jenen freundlich opa-haft wirkenden, putzigen älteren Herren, der sich bereitwillig um meine Ankunftsfindung sorgte. Und mir etwas vom Pferd erzählte. Das jedoch sollte ich erst später herausfinden. Ich hoffe, dass zumindest er sein Zuhause auf Anhieb gefunden hat. Mein natürliches Vertrauen in die hiesige Technik ist nicht vollständig ausgereift, weshalb ich meinem Navigationsgerät durchaus eine Irrung zutraute. Der sich im verdienten Ruhestand befindende, in BB seit unzähligen Jahren ansässige Mann meinte, ich wäre in der falschen Straße und der Weg zu meinem Ziel noch eine hübsche Wegstrecke entfernt. Was ich suchte, wäre die Parallelstraße und dort würde ich dann auch richtig sein. Frohen Mutes lud ich meine Gepäckfracht wieder ein und begab mich auf neue Fahrt. Jaahaaa. In die im Sommer sicherlich zweispurige Straße fuhr ich gerade ein, als Scheinwerfer direkt mir gegenüber aufflammten und ich ergebnislos nach einer Ausweichlücke suchte. Die fand dafür mein Gegenverkehr und ich durfte ein Straßennamen-Nennungsschild lesen, welches eindeutig nicht das war, nach welchem ich nach der Anleitung des Senioren fandete. Gaaaah! Falsch! Falsch! Faaaaaaaaaalsch! Wo kann man hier gleich umwenden? Der Kleinwagen hatte sich rücksichtsvoll in einen Schneehaufen manövriert und ich zuckelte mangels Alternativen geradeaus weiter. Nach kleinen Mühen befand sich das nette Autochen wieder auf der Straße. Sofern diese die Bezeichnung überhaupt verdient. Gleich darauf leuchteten seine Rückfahrleuchten, da bog in meinem verschwundenen Schatten erneut ein Fahrzeug ein. Und ich, ja, ich sah jede Menge riesiger Wälle an Schnee, reichlich parkende Pkw, aber keine Möglichkeit, die ein Umkehren zulassen würde. Der weiße Weg, verunstaltet durch diverse Fahrspuren mündete in eine Ansammlung von Containern. Rechts weg schien er weiterzuführen, was jedoch durch die Anwesenheit eines abgestellten Transporters eines allgemein beliebten Paketdienstes verhindert wurde. Eine rüstige Frau im gelben Dress, bepackt mit nachweihnachtlichen Präsenten von den Lieben, welche vergessen hatten, wann genau noch einmal der Tag der Bescherung stattfand, trat dahinter hervor. Demonstrativ und mit geduldigem Lächeln setzte ich meinen Blinker. Mit einem Blick, der mich beinahe getötet hätte, warf sie ihre Armlast auf den Beifahrersitz, bestieg umständlich den Fahrerraum und rutschte einige Meter weiter vor. Dankend winkend bog ich ab und das Grinsen mir auf den Lippen. Ich war schwungvoll in eine Sackgasse hineingefahren. Ganz großes Kino! Mein Handy klingelte. Besorgt fragte meine Freundin mich nach meinem Verbleib, was ihr eine geschimpfte Kurzfassung meiner Begegnung mit dem hilfreichen älteren Herren eintrug. Sie fand das lustig. Lustig?! Jaaa, ich lachte mich ebenfalls gerade scheckig. Scheckig im Sinne von roten Wutflecken in meinem Gesicht. Ich versprach ihr, in etwa zehn Minuten vor ihrer Haustüre zu stehen. Wie genau ich das einlösen sollte, war mir dennoch nicht ganz klar. Immerhin hatte ich hier die perfekte Möglichkeit zum Wenden. Flugs erledigte ich das und bemerkte das Taxi, das sich vorhin hinter mich gesetzt hatte. Geduldig wartete er darauf, ebenfalls umdrehen zu können. Die Frau vom Paketdienst warf uns und vor allem mir Blicke zu, in denen eindeutig geschrieben stand, dass sie uns liebend gerne mit ihrer Fracht steinigen würde. Ihr Pflichtbewusstsein jedoch siegte. Ich bog gerade in die Straße ein, aus der ich vormals gekommen war, als mein Mobiltelefon erneut Laut gab. "Wie schafft man es eigentlich, sich in BB zu verfahren?" So schallte es mir amüsiert herablassend entgegen. Es war der Partner meiner Freundin, den sie in der Arbeit aufgestöbert hatte, um ihn als meinen Lotsen zu rekrutieren. Damit wird er mich bis an sein oder mein Lebensende aufziehen, je nach dem, wer zuerst drauf geht. Selbstbewusst tönte ich, in 150 Metern endlich da zu sein. Feixend tönte er, dass ich in diesem Falle etwa 200 Meter von ihm entfernt wäre. Ein dringend nötiges Ausweichmanöver meinerseits beendete das erfrischende Gespräch und ich manövrierte mich rücksichtsvoll in einen Schneehaufen der kleineren Sorte. Und dann erspähte ich sie: Die Zahl aller Zahlen. Eine 14! Ich suchte mir einen Parkplatz, der circa 60 Meter vom ersten in der Stadt BB entfernt war. In diesem Sinne noch einmal einen herzlichen, überschäumenden Dank an jenen freundlich opa-haft wirkenden, putzigen älteren Herren, der sich bereitwillig um meine Ankunftsfindung sorgte und mir dabei wie eine menschlich gewordene Metapher des Märchens von Hänsel und Gretel die Brosamen nicht wegpickte, sondern direkt zum Lebkuchenhaus legte.

Mein Versprechen meiner Freundin gegenüber konnte ich jedoch einhalten. Und endlich stand dem Kennenlernen des niedlichen, blähungsgeplagten Schreckens meiner frühen Morgenstunden nichts mehr im Wege!

Dienstag, den 04. Januar 2011 22:57 , in Verkehr(te) Welt


Du musst jetzt aufwachen...

Blog von mona :Was ist schon normal?, Du musst jetzt aufwachen...

Da vergehen Wochen, ohne dass irgendetwas erzählenswertes passiert. Keine langweiligen, vollkommen öden Wochen, sondern das, was man als normal bezeichnen könnte. Aber eben Wochen, in denen dich jemand fragen mag, was es denn so Neues gäbe und du einige Sekunden in dich gehst und mit einem Achselzucken antwortest. Weil nichts erzählenswertes passiert ist. Gut, ich hätte erwähnen können, dass ich mir ein neues Tuch und Stulpen gekauft habe, obwohl ich eigentlich Schuhe haben wollte, welche ich nicht gefunden habe. Aber mal bitte ehrlich: Wen um Gottes Willen interessiert das? Das sind Dinge, denen man höflich-freundlich lauscht, jedoch nicht gegenüber anderen über als Neuigkeit präsentiert. Es sei denn, im Verlaufe eines angeregten Gespräches würde sich das ergeben. Schätzungsweise würde mich mein Umkreis auch eher besorgt von oben bis unten mustern, würde ich so etwas tun. Sie sind anderes von mir gewöhnt. Deshalb zählt man mich auch hin und wieder zu den introvertierten Menschen. Um dies zu einem Fazit zu bringen, erzählenswert ist bei mir nichts, was man als normal deklarieren könnte. Diese Wochen liegen nun also hinter mir.

 

Jetzt, ja jetzt kann ich wieder erzählenswertes erzählen, weil die Normalität lange genug im Vordergrund stand und sich dort reichlich deplatziert vorkam. Deswegen entwich sie in eine stille Ecke und lässt sich nun unterhalten.  Wer schon - außer ein werdender Vater - wurde einmal folgendermaßen aus dem wohligen Schlaf nach einer langen Nacht geweckt? "Du musst jetzt aufwachen." - Kurze Pause, um zu sehen, ob ich mich schon rege. "Ich verliere Fruchtwasser." Worte, die sich in einem Sekundenbruchteil durch alle Windungen deines Gehirns tief in dein Bewusstsein katapultieren, dort einen Adrenalinstoß produzieren, der blitzschnell durch deinen Körper jagt. So fix war ich noch nie auf den Beinen gewesen. "Fruchtwasser? Okay, wir fahren in die Notaufnahme." Ich scheuchte meine Freundin, die mich über das Wochenende besuchte, aus dem Schlafzimmer mit der dringenden Bitte, sich fertigzumachen, kramte irgendeine Hose aus meinem Chaos hervor, suchte meine Autoschlüssel und Handtasche mit all meinen Papieren, warf mir eine Jacke über mein Schlafshirt und rief den Aufzug herauf. Dazwischen durfte sie immer einmal eine Frage beantworten, die mir Auskunft über allgemeines sonstiges Befinden, Schmerzen oder andere Anomalitäten gaben. Wasser hat mein Gesicht überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Obwohl sie diejenige war, die unnatürlicherweise und daher besorgniserregend im siebten Monat Fruchtwasser verlor, sah sie taufrisch wie der junge Morgen aus. Da es ihr bis auf ihre unterdrückte, verständliche Panik ansonsten gut ging, verstieß ich nicht gegen sämtliche Verkehrsregeln, sondern versuchte sie ein wenig mit blöden Scherzen, die wahrscheinlich vollkommen unangebracht waren, während der Fahrt zum Krankenhaus abzulenken. Immerhin hat sie mich nicht geschlagen. Mein Auto stellte ich grundlegend schief auf einem Behindertenparkplatz vor der Notaufnahme ab und wir stürmten im Eiltempo auf die Anmeldung zu. Die Frau reagierte sofort, telefonierte und verschwand für kurze Zeit. Dann erschien sie mit einem Rollstuhl, in dem meine Freundin Platz nahm, wies mich an, ihr zu folgen und flitzte davon. Sie rannte nicht, sie ging. Trotzdem hatte ich einige Mühe, nicht den Anschluss zu verlieren. In einem pastell-rosa gestrichenen Zimmer der Wochenstation wurde meine Freundin dann auf das freie Bett verfrachtet und ihre Daten sowie der Verdacht auf vorzeitigen Blasensprung aufgenommen. Danach kam eine Schwester mit einem neuen Rollstuhl mit dem Ziel des Kreißsaals. Auch hierhin sollte ich folgen, während mir das alles irgendwie surreal vorkam, ich immer noch kein einziges geistreiches Wort von mir gegeben hatte und mir ausgesprochen hilflos vorkam. Hilflos in Sachen Trost und Zuversicht vermitteln, beizustehen und eine Hilfe zu sein. Meine Freundin hielt sich so ausgesprochen wacker, dass sie dafür Bewunderung verdient. Ich war nur ein müffelndes, zerschlagenes Wrack, das sich selbst fragte, wie es eigentlich geschafft hatte, ein Auto sicher zu manövrieren. Bei der Untersuchung sollte und wollte ich nicht dabei sein, was mir Gelegenheit gab, den Behindertenparkplatz freizugeben und meiner Freundin einen aufbauenden Milchkaffee und ein Hörnchen zu besorgen. Als ich vor der Tür zum Kreißsaal stand und die Klingel drückte, war ich auf das Schlimmste vorbereitet. Stattdessen öffnete mir eine rundherum kompakte Person mit einem wahnsinnig warmherzigen Auftreten und geleitete mich zu meiner Freundin in den Saal der Sääle. Dort lag sie an irgendwelche Geräte angeschlossen auf der Liege der Liegen, während den Raum ein gleichmäßiges Klopfen erfüllte. Der Herzschlag des Babies. Dem kleinen Wurm in ihr, dem es gut ging. Zeitgleich mit dem Stein, der mir vom Herzen fiel, hätte ich auch fast den Kaffeebecher fallen gelassen. Die Hebamme sah mich kurz fragend an, dann meine Freundin, um ihren Blick dann auf dem festzunageln, was ich in den Händen hielt. "Ist das für Ihre Freundin?" Ich nickte. "Das tut mir leid, aber bevor wir die Untersuchungen nicht abgeschlossen haben und noch nicht wissen, ob wir gleich den Kaiserschnitt vornehmen müssen, darf sie nichts zu sich nehmen." Zu meiner Freundin gewandt: "Sie müssen das verstehen..." Wir verstanden das. Kaiserschnitt?!?! Also führte ich mir den Kaffee zu, der im Übrigen doch keine Milch beinhaltete, weil ich die irgendwie nicht hinein geschüttet hatte, flachste kurz über die Situation und setzte mich auf den Stuhl, der wohl normalerweise den zukünftigen Papas vorbehalten ist. Der Papa dieses Kindes jedoch befand sich noch in wohliger Unwissenheit, etwa 200 Kilometer entfernt und vermutlich sanft schlummernd. Die Hebamme ließ uns alleine.

Wie es einer Schwangeren in der 31. Woche fern von der Familie mit vorzeitigem Blasensprung und der Option auf eine Frühchengeburt geht, können wohl nur diejenigen nachvollziehen, die selbst einmal in dieser Situation waren. Völlig hilflos versuchte ich Trost zu spenden und sie abzulenken, bis endlich Klarheit über das weitere Vorgehen bestünde. In dieser Zeit wanderte ich mit zum Ultraschall und durfte zum ersten Mal so einen kleinen Wurm in Echtzeit sehen. Das ist schon irgendwie etwas Besonderes. Auch wenn ich ohne die hilfreichen Erläuterungen der Ärztin nichts aus dem schwarz-weißen Gewabere auf dem Bildschirm erkannt hätte. Respekt für diejenigen, die Arme und Beine auseinanderhalten können. Ich erkannte nicht einmal den Kopf. Meine Freundin wurde wieder im Kreißsaal geparkt, ich richtete ihr einen greifbaren Getränketisch her und räumte dabei etwas den Raum um. Dann ließ ich sie alleine, damit sie endlich den Vater und ihre Eltern informieren konnte. Erst einmal sollte sie zur Beobachtung dableiben, da ein Test positiv war, der andere jedoch negativ. Weitere Untersuchungen waren notwendig. Ich fuhr nach Hause, um ihr ein paar Sachen zusammenzupacken und mich endlich zu duschen. Inzwischen fühlte ich mich reichlich unangenehm für meine Mitmenschen.

Zwei weitere Male lief ich an diesem Tag im Krankenhaus auf, einmal im Kreißsaal, die anderen Male auf der Wochenstation. So viel habe ich mich noch nie mit Babies an sich und Frühgeburten beschäftigt. Was etwas heißen will, wenn man eine Mutter hat, die als Kinderkrankenschwester auf einer Frühchenstation arbeitet. Ihr Freund kam am späten Nachmittag mit viel Gepäck für seine Liebste, während ich die Stunden nutzte, um etwas Schlaf nachzuholen. Da er Krankenhäuser nicht sonderlich mag, nächtigte er auf meiner Couch. Am Tag darauf sollte er Vormittags seine Schwangere alleine besuchen, während ich beschlossen hatte, ihnen Zeit für sich zu gönnen und erst am Nachmittag zu einem Besuch aufzulaufen. Die Situation hatte sich zwischenzeitlich soweit entspannt, dass ein Kaiserschnitt keine dringende Option mehr war, dafür aber eine Woche Stationsruhe unter Beobachtung. Da meine Freundin weitere Tests und Untersuchungen auf dem Plan hatte, wurde er auf Mittags vertröstet. Also wandelten wir über den Herbstmarkt an diesem kühlen, tristen, aber immerhin trockenen Tag. Am Ende angelangt, als wir die Oldtimer fachmännischen Blickes begutachteten, klingelte sein Handy. Nachdem er das Gespräch beendet hatte, atmete er tief durch und mir schwante Furchtbares. "Sie wollen es jetzt holen." Und flugs eilten wir durch die komplette Innenstadt zu meinem Auto, auf dass ich zum zweiten Mal an diesem Wochenende zum Krankenhaus raste.

Inzwischen fühlte ich mich auf der Wochenstation fast schon heimisch. Um es kurz zu machen: Meine Freundin wurde für transportfähig erklärt und kurzfristig nach H. via Rettungswagen verschifft, ihr Freund mit dem Pkw hinterher und ich wartete den ganzen Abend halb panisch auf die Nachricht, dass der Kaiserschnitt gut verlaufen war und es Mutter und Tochter hervorragend ging. Stattdessen rief mich die Wochenstation an und erkundigte sich genau danach. Es war kurz vor 20 Uhr und damit war die Nachricht schon um zwei Stunden im Verzug. Dann klingelte das Telefon und eine andere Freundin rief an: "Was ist denn da los?" - "Ich weiß es nicht, ich will da gleich mal anrufen, ich bin panisch und habe keine Ahnung." Dann teilte sie mir mit, dass es meiner Freundin gut ginge, dem Baby ebenso, es aber weiterhin im sich nachgebildeten Fruchtwasser planschte. Das war mir einen Wodka pur wert. Aus einem wurden drei. Ich teilte der bis dahin Ahnungslosen die turbulenten Ereignisse des Wochenendes mit, um dann von meiner Schwangeren über ihren beruhigten Zustand informiert zu werden und am noch späteren Abend die gleichen Infos von ihrem Freund zu erfahren. Dann endlich legte ich mich schlafen, was ich nicht konnte, obwohl ich das war, was man als völlig fertig bezeichnet. Mein Kopf arbeitete weiter an den Erlebnissen und der Montag kam viel zu früh, ohne dass ich auch nur ein wenig erholt gewesen wäre.

Meine Freundin liegt nun seit knapp drei Wochen auf der Wochenstation und erfährt jeden Tag etwas anderes über die Geburt ihres Kindes. Dieses hat im Übrigen schon jetzt etwa drei Monate Hausarrest. Wann genau sie diese Strafe vollziehen will, weiß sie selbst noch nicht. Vielleicht wenn das Baby zu einem Teenager geworden ist und halbwegs verstehen kann, was es da ab der 31. Woche für Strapazen verursacht hat. ;)

Donnerstag, den 14. Oktober 2010 22:22 , in Erlebt


|

Toolbar öffnen
Toolbar schließen

Du musst eingeloggt sein, um Nachrichten mona

Dafür musst Du eingeloggt sein! mona Deine Freunde zu schreiben

 
Blog erstellen